Homonale startet im Caligari Wiesbaden
27.01.2012 - WIESBADEN
Von Peter Müller
Ein schwules Coming-out mit Migrationshintergrund, ein Kölner Transmann auf der Suche nach Identität oder 80 verwirrend schöne Tage zwischen Liebe und Freundschaft - das emotionale Chaos, so unterschiedlich es auch sein mag, ist hier wie dort greifbar. Und die Homonale, das schwul-lesbische Filmfest , taucht an diesem Wochenende wieder einmal ein in diese Welt der großen, kleinen und verstörenden Gefühle.
In der zwölften Auflage listet das Homonale-Programm insgesamt 13 Filme, die, mehr oder weniger, aus der Nische gehievt und einem breiteren Publikum präsentiert werden sollen. Beste Chancen auf den inoffiziellen Titel des Festival-Lieblings hat dabei zweifellos der spanische Beitrag „80 Egunean - Herbstgefühle“, der verblüffenderweise aus der Feder zweier Männer stammt. Das Regie-/Autoren-Duo Jon Garano/Jose Mari Goenaga aber hat das Kunststück fertig gebracht, eine wunderbare Frauengeschichte auf so zauberhafte Art zu erzählen, dass es einfach nur das Herz aufgeht. Da ist also Axun (Itziar Aizpuru), eine desillusionierte Hausfrau um die 70, die sich in der baskischen Provinz mehr schlecht als recht langweilt. Ihre Ehe ist leidlich ausgelaugt, die Tochter nach Kalifornien ausgewandert und die nervigen Nachbarn bieten auch nicht gerade attraktive Abwechslung. Als ihr Ex-Schwiegersohn nach einem Unfall im Koma liegt, scheint das immerhin eine gute Gelegenheit, mit einem Krankenbesuch dem grauen Alltag zu entfliehen.
Beziehung flammt wieder auf
In der Klinik von San Sebastian trifft sie nun zufällig auf die Klavier-Lehrerin Maite (Mariasun Pagoaga), die ein faszinierend anderes Leben in der Großstadt führt - selbstbewusst, unabhängig und offen lesbisch. Als sich dann auch noch herausstellt, dass die beiden Damen in ihrer Jugend eine ganz besondere Freundschaft verbunden hat, werden die „Krankenhaus-Besuche“ bald zahlreicher. Nach einer gemeinsamen Boots-Tour flammt die alte neue Beziehung wieder auf, beide genießen jeden gemeinsamen Moment. Und vor allem Axun bringt, sichtlich betört von ihren „Herbstgefühlen“, ihr gesamtes Umfeld samt einem aufgeschreckten Ehemann kräftig durcheinander.
Auch im Kölner Stadtteil Eigelstein, bei der montenegrinischen Familie Petrovic, droht emotionales Ungemach: Papa Vlado, Chef einer Kiezkneipe, hat Heimweh, Mutter Stanka wollte mal als Pianistin Karriere machen, friemelt aber nun nur noch in Heimarbeit Stecker zusammen - auf dass es den beiden Söhnen mal besser gehe. Wäre noch nicht tragisch, würde „Sascha“ (Sascha Kekez), der Älteste, nicht gerade von einem problematischen Liebeskummer gequält: Der 19-Jährige ist schwul, heimlich natürlich, weil „so etwas“ nie und nimmer in das Weltbild des konservativen Papas passen würde. Nun hat er sich aber unglücklich in seinen Musiklehrer verguckt. Als dieser schöne Gebhard (Tim Bergmann) dann ankündigt, bald ins ferne Wien umzuziehen, überschlagen sich die Ereignisse. Emanzipationsgeschichte im Migranten-Milieu, Coming-out im Prüfungs-Stress, Culture Clash und Balkan-Pop - Dennis Todorovics „Sascha“ bringt das alles in einen entzückend tragikomischen Debütfilm, dem man bis zum Ende gerne zuschaut.
Etwas vertrackter ist die Sache bei Miri, die jetzt Lukas (großartig:Rick Okon) ist. Wenn auch noch nicht im Pass, aber eben mental. Sein transsexuelles Coming-out liegt hinter ihm. Nun steckt er nur noch im falschen Körper. Täglich trainiert er mit Hanteln, schluckt Testosteron und wartet auf seine ersehnte OP. Als er in der Kölner Szene dann den vermeintlichen Macho Fabio (Maximilian Befort) kennen und lieben lernt, wird die Lage für den „unvollendeten Mann“ in Sabine Bernardis atmosphärisch dichtem, ohne Kitsch oder gar Hollywood-ChiChi gezeichnetem Trans-Gender-Porträt „Romeos“ noch komplizierter. Sehenswert.

