(crs). So ganz ahnt man nicht, welcher Schatz sich hinter dem Ausstellungstitel "Alte Buchdecken in neuem Gewand" verbirgt. Die Sammlung von Sonja und Reinhold Müller, deren Kunsthandlung in der Rheinstraße 101 eine beliebte Anlaufstelle für Künstler ist, besteht schlichtweg aus qualitativ hochwertigen Buchdecken, die in mehreren Jahrzehnten von über 100 Künstlern neu gestaltet wurden.
Der Grundgedanke dessen, was nun mit Unterstützung des Kunstvereins Eisenturm im MVB-Forum gezeigt wird, scheint banal: Er sammle seit Jahren Buchdecken so wie andere Bierdeckel, sagt Reinhold Müller. Es sind Einbände aus alten Bibliotheksauflösungen, die mit ihren zum Teil kunstvoll geprägten Decken "die Arbeit des Buchbinders reflektieren". Der Buchstamm, die Seiten also, sind meist entnommen, wegen einzelner darin enthaltener Stiche und Illustrationen mit Sammlerwert. Müller kann sich nicht erinnern, welchen Künstler er erstmals darum bat, sich damit kreativ auseinanderzusetzen, jedenfalls entwickelte die Sammlung, die auch jetzt nicht etwa abgeschlossen ist, rasch ihre Eigendynamik.
Laut Dietmar Gross, stellvertretender Vorsitzender des Kunstvereins, spiegelt sich darin "die gesamte bildnerische Bandbreite zeitgenössischer Kunst".
Den Großteil stellen regional ansässige Künstler von Fee Fleck über Gustl Stein zu Lore Bert, es sind aber auch Werke von Künstlern unter anderem aus Senegal, Frankreich oder Südkorea vertreten. Spannend ist vor allem die Vielfalt der Herangehensweise: Reinhold Petermann nutzt die Doppelseite, um einen Frauenakt zu malen, das Buch ist dabei schlichtweg Malgrund. Dorel Dobocan hingegen hat den Deckel Teil einer aufwendigen "musikalischen" Komposition rund um eine stilisierte Geige werden lassen.
Heidi Wendling hat den Einband quasi zu einer Zigarrenkiste verarbeitet. Darin verwahrt ist, wie eine Signatur, ein plastisch nachgestalteter Busen. Andreas Koridass hat in einem Tagebuch eine Tampongalerie angelegt, die jungfräulich weißen sind mit einem lustigen Lächeln bemalt, nur eines von den 30 ist rot und blickt zornig drein - Details über Details, die zu entdecken sich unbedingt lohnt.

