Gutenberg auf Toast
06.07.2010 - MAINZ
Von Michael Jacobs
GALERIE „Kemenski & Ich“ in Gonsenheim bietet Künstlern eine unkonventionelle Plattform
Es ist nicht wenig Hintersinn, der die Wände der kleinen Hinterhof-Galerie ziert. Warum Leonardo da Vincis „Letzes Abendmahl“ nicht mal getoastet? Oder das Konterfei Johannes Gutenbergs mit schwarzer Tusche gestrichen auf ein knuspriges Viererset gerösteter Brotquader. Das Kulinarische der Kunst, vielleicht auch ihre Brotlosigkeit, im Verbund mit Alten Meistern - nur eine spielerische Idee des Zeichners Jörg Baltes, der zusammen mit weiteren regionalen Künstlern seine Werke in den Kreativen-Räumen von „Kemenski & Ich“ zeigt. Vor einem halben Jahr hat Oliver Kemmann, Betreiber einer kleinen Internet-Agentur, die Galerie an Gonsenheims Breiter Straße als Forum bislang unentdeckter Talente eröffnet. Alle Ausstellenden kennt er persönlich, die Chemie muss stimmen, denn die Darbietung der Werke ist oft Teamarbeit. „Die Künstler können hier ihre eigenen Ideen einbringen, helfen aber auch mal an den Öffnungstagen aus“, sagt Kemmann.
Noch ist die abseits vom kulturellen Epizentrum der Stadt gelegene Schau-Bühne dabei, sich die Aufmerksamkeit des Publikums zu erarbeiten. Doch langsam, meint Kemmann, werde man wahrgenommen. Das mag auch am unverkrampften Galerie-Konzept liegen, das Kunst mit einem Augenzwinkern präsentiert und die Hemmschwellen zu den Kreativen abbauen will. Deren unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten sorgen auch für eine beachtliche stilistische Bandbreite. Baltes zum Beispiel serviert nicht nur figurativ verfeinerte Toast-Buffets, sondern bietet auch eine originelle Lesart des Rock-Starkults: Porträts von Jimmy Hendrix oder Kurt Cobain, zusammengepixelt aus winzigen Sternchenstempeln. Großformatige Ölgemälde mit Popart-Teenager-Posen steuert der Wiesbadener Ed Bago bei, der Niersteiner Claus Ast lässt mediterrane Aquarell-Skizzen über die Wände huschen, der Selzener Künstler Tobias Mohr illustriert in einem Zyklus getuschter Skizzen das bittere Leben von Büchners Woyzek. Überhaupt findet sich für die Literatur immer ein Plätzchen in der „Kemenski & Ich“-Exponatenkammer: eine bronzene Zuckmayer-Büste, kolorierte Thomas Mann-Radierungen, und auch der Literaturwissenschaftler Hermann Kurzke schaut gerne für Lesungen oder Diskussionen vorbei. Momentan muss aber das Runde ins Eckige, deshalb begleitet die nationale WM-Euphorie im ersten Stock eine Fußball-Schau mit ungewöhnlichem Regelwerk: Tobias Mohr hat nicht nur alle Ball-Heroen der deutschen 1974-er Weltmeisterelf ikonengleich in grünen Filz gerahmt, sondern auch die Stutzen-, Stollen- und Schienbeinstellungen geschichtsträchtiger Partien in Öl verewigt. Die Ausstellung läuft noch bis zum 10. Juli. Man könnte sich also im „Kemenski & Ich“ noch den letzten Kick fürs Finale holen.

