Selbstvermarktungs-Messe "Kunst direkt" der Künstler in der Mainzer Rheingoldhalle
12.03.2010 - MAINZ
Von Michael Jacobs
Kontrastreicher kann eine Kunstmesse kaum beginnen: Am Eingang zum gläsernen Foyer der Mainzer Rheingoldhalle lockt die barbusige „Frau im Sessel“ des 85-jährigen Bilderhauers Reinhold Petermann so langbeinig-lasziv, dass man sich gleich daneben lümmeln möchte. Doch nur ein paar Blickwinkel weiter, auf der Schau-Bühne der jungen Talente, lässt der Videokünstler Michael Schwarz den 73-jährigen Hamburger Extremjogger Horst Preisler in Endlosschleifen seinen 1621. Marathon laufen.
Ein wahrhaft atemberaubendes Bild, wie überhaupt die von dem Frankfurter Ausstellungsmacher Andreas Greulich kuratierte Nachwuchs-Plattform der neunten Künstlermesse „Kunst direkt“ vom 12. bis 14. März frischen Wind verleiht. Kulturministerin Doris Ahnen gerät auch prompt in den Bann einer Pingpong-Bälle schleudernden Orakelspruchmaschine der Damen-Kreativ-Riege Upper Bleistein, will sich mit der ihr zugespielten Losung „Die langweiligste Lösung ist immer die beste“ dann aber doch nicht anfreunden.
Denn Langeweile kommt in diesem mit 170 Ausstellungswaben bestückten Bienenstock der Bildenden Kunst kaum auf, auch wenn zuweilen goldener Honig und süßliches Surrogat dicht nebeneinander liegen. Und die Krise? Scheint einen Bogen um die Kunst gemacht zu haben. „Letztes Jahr lief’s hervorraged“, sagt Birgid Helmy inmitten ihrer lebensecht wirkenden Terrkotta-Figuren. „Die Leute investieren wieder in Kunst, besonders wenn sie realistisch ist“. Auch Reinhold Petermann kann nicht über mangelnden Absatz seiner grazilen bronzenen Frauenakte klagen. Für dieses Jahr habe er seine Schäfchen schon im Trockenen, meint der Senior der Messe.
Dann plötzlich im Kojen-Dickicht die Totempfahl-Lichtung des Skulpturenforums, auf dem sich die Bildhauergilde erstmals frei entfalten kann. Knorrig, grob behauen Frank Leskes an die archaischen Osterinsel-Figuren erinnerndes Holzkopf-Ensemble, meisterhaft hintersinnig Eberhard Linkes Papst-Skulptur aus gebranntem Ton – der Pontifex mit leeren Augenhöhlen und Siegelring-Hand schützend vor dem Gesicht – inspiriert von einem Blitzlicht-Foto.
Kaleidoskop an Stilen, Techniken und Strömungen
Das 1993 ins Leben gerufene Selbstvermarktungsforum der Landeskünstler, in der Rheingoldhalle ausgebreitet auf 7.000 Quadratmetern, war immer schon ein Kaleidoskop an Stilen, Techniken und Strömungen. Und so findet sich auch in diesem Jahr Surreales wie Sven Schalenbergs Baumstumpf-Armee mit Hackebeil oder Dietmar Gross’ mythische Mischwesen aus Mensch und Tier; schweift der Blick über die dynamisiert abstrakten Farblandschaften Mathias Graffés, verfängt sich in Guido Ludes’ expressionistisch-urbanen Berlin-Studien mit feurigem Himmel über dem Gendarmenmarkt.
Wenn sich Gegenständliches derzeit gut verkauft, dann sollte auch die künstlerische Kulinarik-Ecke boomen. Juliane Gottwalds in Ocker- und Violett-Tönen komponierte Krapfen sehen nicht nur zum Reinbeißen aus, sondern schmecken in ihrer expressiven Farbigkeit auch den Gefühlen nach. Nicht weniger Schwung in die Maler-Patisserie bringen Laura Weinands Kuchenstillleben, bei denen schon mal eine Kirsche wie ein Komet ins Sahnehäubchen kracht.
Voluminöses wie Eckhard Schembs Bronze-Matrone „Mama Africa“ ankert neben der Filigrankunst Anne-Marie Kuprats, die drahtige Harlekine und einen Eisbären fast schwerelos aus weißem Seidenpapier haucht. Und natürlich schwappt auch allerhand Kurioses aus den Kojen. „Für die Seele und die weite Welt“ ist bei Rainer Marchlowitz für wenig Geld ein „Friedenstier“ zu haben, das allerdings ein bisschen wie ein umgedrehter Weisheitszahn im Topfkratzer aussieht. Wenn das nicht hilft, kann man immer noch seine alten Pfandflaschen beim Aktionskünstler Brandstifter abgeben, der daraus im Beuys’schen Sinne soziale Plastiken baut. Wer nach dem facettenreichem Kunst-Direkt-Parcours seine Sinne wieder ordnen will, der sollte unbedingt in den futuristischen Space-U-Boot-Kasten der Volxheimer Raumfahrschule abtauchen. Im „Simultan-Simulator“ von Kapitänleutnant Bruno K. lässt sich leicht Abstand gewinnen – maximal 10,5 Lichtjahre.

