Eine überraschende zweite Seite
05.03.2010 - MAINZ
AUSSTELLUNG Ulkige Plastiken und verwobene Bilder - Sigrid Lehr zeigt "Alles" im Kunstverein Eisenturm
(Cek). Sich mit Sigrid Lehr zu unterhalten kommt, vielleicht nicht Sternstunden, gewiss aber doch Sternminuten gleich. Warmherzig, humorvoll und doch so feinsinnig! Sieht man ihre Arbeiten in der aktuellen Ausstellung "Alles" des Kunstvereins Eisenturm (Fritz-Arens-Platz 1) so ist man überrascht: Die Plastiken, diese ulkigen, durchaus zum Teil eleganten, aber häufig doch auch komischen Wesen, entsprechen Sigrid Lehrs Art. Doch wie so oft bei spannenden Charakteren besitzt diese charmante Künstlerin noch eine zweite Seite. Und die zeigt sich in ihren Bildern! Betritt der Kunstfreund den zentralen Ausstellungsraum des Eisenturms, so fällt eine Arbeit besonders auf. Auf einer vertikal ausgerichteten, gewellten Kunststoffplatte tauchen in legerem Rhythmus schwarz konturierte weiße unregelmäßige Flächen auf. Dieses, bereits im neuen Jahr entstandene Werk, beinhaltet alles, was Sigrid Lehr seit ihrem kreativen Tun antreibt: Struktur, Textur, klare, reduzierte Farbigkeit und zahlreiche, übereinander gelagerte Malschichten. Interessant auch das dreiteilige Werk "2 Bilder mit Kokon". Das Weiß-in-Weiß gearbeitete Triptychon zeigt deutlich, was in vielen scheinbar rein linienorientierten Gemälden von Sigrid Lehr nicht so deutlich zu Tage tritt, aber auch dort vorhanden ist: Ein Faible fürs Fabulieren, eine enge Beziehung zu "Bios", zum Leben, zum Lebendingen und Organischen. In diesem Fall ist es ein längliches Gebilde, das geheimnisvoll, unregelmäßig konturiert zwischen den ruhigen Strukturen der flankierenden Tafelbilder auf seine Häutung lauert. Die Ausstellung zeigt im dritten Raum zwei Arbeiten, die jenes Verweben des Linearen dreidimensional erlebbar machen. Hier hat die Künstlerin frühere Bilder aus dickem Japanpapier zerschnitten beziehungsweise zerrissen und diese Papierstreifen dann auf einem "Bild auf dem Bild" miteinander verflochten. Ihr Oeuvre ist wie sie: Nichts ist nur so, wie es zunächst scheint.

