VERNISSAGE Leben und Wirken der Juden stehen noch bis 26. April im Neuen Rathaus im Mittelpunkt
(pea). Gerade mal zehn Jahre alt war die kleine Luzi Greif, als sie auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße beerdigt wurde. Die näheren Umstände, die zum Tod des Kindes führten, sind auf einer der über 30 Tafeln nachzulesen, die zurzeit im Neuen Rathaus ausgestellt sind. "Geschichte erleben - Die Jüdischen Friedhöfe in Ingelheim" lautet der Titel der sehenswerten Präsentation, die einen Blick in vergangene Zeiten möglich macht.
Anhand der Grabsteine, die auf den vier noch erhaltenen jüdischen Friedhöfen stehen, bekommt man Einblicke in die Bestattungskultur, aber auch in das Leben und Wirken der Juden in Ingelheim. Manche Tragödie werde dabei lebendig, erklärte Klaus Dürsch, Vorsitzender des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF), bei der Vernissage. So erinnern die Grabsteine an junge Menschen, die früh aus dem Leben gerissen wurden, ebenso wie an die Opfer der Nazi-Diktatur. "Denn auf einigen Grabsteinen", so Dürsch, "ließen Familienangehörige später die Namen emigrierter oder ermordeter Angehöriger einmeißeln".
Die von der Stadt Ingelheim unterstützte Ausstellung ist Teil eines größeren Projekts, das sich der DIF vorgenommen hat: eine ausführliche Dokumentation der jüdischen Friedhöfe in Ingelheim. Zu diesem Zweck wurden alle noch erhaltenen Grabsteine fotografiert, die Daten aufgenommen und die Schriftzeichen übersetzt. Eine aufwändige und mühsame Detailarbeit, die sich indes gelohnt hat. Dokumentiert wurde etwa der älteste noch entzifferbare Grabstein aus dem Jahr 1726, der auf dem Friedhof "Im Saal" steht. Oder etliche stark verwitterte Grabsteine, die auf bekannte Ingelheimer Familien jüdischen Glaubens hinweisen.
Seit dem 14. Jahrhundert lebten nachweislich Juden in Ingelheim. Sie waren als Händler in die Region gekommen und brachten so ihre Waren aufs Land. Wo ihre ersten Friedhöfe lagen, ist bislang nicht bekannt. Die vier erhaltenen stammen aus späterer Zeit.
Neben dem Friedhof "Im Saal" und jenem in der Hugo-Loersch-Straße sind noch Reste der jüdischen Friedhöfe in der Rotweinstraße und in Großwinternheim erhalten. Die jüngste Begräbnisstätte in der Rotweinstraße wurde erstmals 1932 belegt. Nur neun Jahre später fand hier auch letzte Beerdigung auf einem jüdischen Friedhof in Ingelheim statt.
Dem Engagement des Deutsch-Israelischen Freundeskreises ist es zu verdanken, dass diese und andere Details nicht verloren gingen, wie Oberbürgermeister Dr. Joachim Gerhard bei der Eröffnung der Ausstellung betonte. Schon vor Jahren begann der Verein damit, dieses wertvolle Kulturgut zu sichern. Auf Grundlage der Publikation "Sie sind mitten unter uns" des Ehrenvorsitzenden Hans-Georg Meyer begann Klaus Dürsch mit den Recherchen. Er erstellte Lagepläne und übersetzte die hebräischen Inschriften. Höchste Zeit, denn die steinernen Zeugnisse der Vergangenheit drohten zu verfallen und waren vielfach kaum noch zu entziffern.
Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem städtischen Kulturamt durchgeführt wird, ist noch bis zum 26. April im Rathaus zu sehen.

