Von Hannah Weiner
THEATER Aufführung von Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" zeigt das Böse in jedem Menschen
"Ich glaube nur an den Gott des Gemetzels." Dass es zu so einem Ausruf des Anwalts Alaine Reille (Sascha Wolf) kommen kann, ahnt zu Anfang der Aufführung der Ingelheimer Gruppe "Theater. Kommen und Gehen" in der vollbesetzten Aula des Sebastian-Münster-Gymnasiums (SMG) noch niemand. Reille und seine Frau Annette (Fenn Hampe), eine Vermögensberaterin, besuchen den mit Haushaltswaren handelnden Michel Houillé (Matthias Walldorf) und seine Frau, die Schriftstellerin Véronique (Eva-Maria Felka). Sie treten auf wie Angehörige der intellektuellen Oberschicht. Die beiden adrett gekleideten, weltgewandten Ehepaare treffen sich, um einen Vorfall zu besprechen, der ihre Söhne betrifft. Der Sohn der Reilles hat dem Filius der Houillés mit einem Stock einen Zahn ausgeschlagen. Kultiviert wie sie sind, versuchen sie das Problem theoretisch-analytisch anzugehen und eine Lösung zu finden. Doch dann bröckelt die Fassade, das Niveau sinkt und der wahre Charakter der Protagonisten dringt nach und nach an die Oberfläche. Es kommt zum verbalen Gemetzel.
Die jugendlichen Schauspieler von "Theater. Kommen und Gehen" präsentieren "Der Gott des Gemetzels", eine moderne Komödie von Yasmina Reza. Das Theaterstück, das 2006 uraufgeführt wurde, zählt zu den meistgespielten ausländischen Darbietungen auf deutschen Bühnen. Die Autorin selbst sagt von sich: "Ich bin skeptisch, was die friedensstiftende Macht der Kultur angeht, ich misstraue dem, was einer Erpressung zum Guten gleichkommt." Darum geht es auch in diesem Stück: Hinter dem guten Ton steckt meist nicht mehr als ein Kräftemessen.
Das Bühnenbild symbolisiert die Paare und das Grundthema des Theaterstückes: Ein schwarzes Ledersofa, ein Kunstwerk im Hintergrund, ein Glastisch mit Flaschen. Man interessiert sich also für Kunst, kann sich ein schickes Sofa leisten und trinkt gerne teuren Rum. An Requisiten wird sonst gespart. Es befindet sich nichts Überflüssiges auf der Bühne, was den Fokus von den Schauspielern ablenken würde. Die ganze Zeit über wird vor dem gleichen Hintergrund gespielt, es gibt keine Szenenwechsel. Die Leidenschaft der Darsteller sorgt trotzdem für Kurzweil.
Es ist eine sehr gut gelungene künstlerische Umsetzung der Theatergruppe unter der Regie von Christoph Klein, die das erste Mal in dieser Besetzung spielt. "Theater. Kommen und Gehen" bringen das bekannte Stück von den großen Bühnen Deutschlands nach Ingelheim. Die Ironie und der Zynismus des Stückes ernten viele Lacher im Publikum. Der Höhepunkt der Inszenierung ist ein Akt, geprägt von Alkohol, einer ausgeschütteten Handtasche, einem ertränkten Mobiltelefon, Gefluche über die Kinder und den Ehepartner. Es wird getrunken, es wird sich übergeben, es wird geschimpft, geschrien und geweint. Die Fassade bröckelt, bricht letztendlich ganz weg und gibt den Blick frei auf vier gescheiterte Individuen. Mal heißt es "Männer gegen Frauen", dann streiten sich die Paare untereinander, dann miteinander. Frei nach dem Motto: "Es bringt nichts, sich anständig zu verhalten." Am Ende gibt es Jubel und minutenlangen Applaus. Das Publikum ist begeistert, es zollt den Schauspielern ihren Tribut.
Das Ziel der Autorin Yasmina Reza ist es, zu zeigen, dass in jedem Menschen etwas Böses steckt. Mit dieser Frage wird das Publikum zurückgelassen: "Wer interessiert sich für etwas anderes als sich selbst?" "Der Gott des Gemetzels" ist noch am Freitag, 12., und am Mittwoch, 24. März, in der Aula des SMG, jeweils ab 19.30Uhr zu sehen.

