Von Gerhard Grunwald
GEDENKFEIER Bürger erinnern an Ausschreitungen in Pogromnacht am 9. November 1938
Rund 60 bis 70 Bürger haben gestern Abend der Pogromnacht am 9./10. November 1938 gedacht, in der es auch in Ingelheim zu Ausschreitungen gegen Menschen jüdischen Glaubens gekommen ist. Eingeladen zu der Gedenkfeier auf dem Synagogenplatz in Ober-Ingelheim hatte der Deutsch-Israelische Freundeskreis.
Dessen Vorsitzender Klaus Dürsch erinnerte in seinen einleitenden Worten daran, dass an genau diesem Platz früher die Synagoge gestanden habe. Das Gotteshaus sei vor 71 Jahren von Ortsgruppenleiter Matthes und dessen Kumpanen zerstört worden. Dürsch rief dazu auf, der Menschen zu gedenken, die während der NS-Diktatur ermordet und ihres Besitzes beraubt wurden. Beispielhaft schilderte Dürsch das Schicksal der Eheleute Karl und Lilly Neumann. Die Juden, die in den 1930er Jahren in der Bahnhofstraße eine Weinhandlung betrieben, wurden von den Nazis ins Konzentrationslager nach Theresienstadt deportiert und dort in den 1940er Jahren ermordet. Heute erinnern zwei sogenannte Stolpersteine in der Bahnhofstraße daran, dass hier einmal das Paar gewohnt hat.
"Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass es künftig keinen schweigenden Mehrheiten mehr gibt. Wir müssen die Stimme erheben gegen Rassismus, Intoleranz und Gewalt", sagte Oberbürgermeister Dr. Joachim Gerhard in seiner Ansprache. "Das Pogrom war ein Alptraum für alle jüdischen Menschen, auch hier in Ingelheim", erinnerte Gerhard daran, dass überall in Deutschland im November 1938 die Synagogen brannten und der braune Mob Mitbürger drangsalierte, die nichts Unrechtes getan hatten. "Nur weil sie Juden waren, mussten sie leiden. Millionen fielen den Nazis zum Opfer", verwies der Oberbürgermeister auf das düsterste Kapitel deutscher Geschichte. Nur wenn die Erinnerung an das unmenschliche Geschehen wach gehalten und auch der Jugend vermittelt werde, bestehe die Hoffnung, dass sich Gleiches nicht wiederhole. Gerhard legte zum Gedenken an die ermordeten Juden ein Gebinde an der Mahnstele auf dem Synagogenplatz nieder.
Pfarrer Tobias Schäfer von der katholischen Pfarrei St. Remigius sprach ein Gebet, in dem er um Gerechtigkeit und Frieden auf der Welt bat.

