Von Caroline Jerchel
REZITATIONSKUNST Schauspieler Ben Becker lockt 350 Besucher in die Burgkirche
"Husch, husch! piff paff! trara!" - mit diesen Worten aus Ludwig Uhlands Gedicht "Der weiße Hirsch" endete ein Abend voller Sprachgewalt. Die Burgkirche war Schauplatz eines fulminanten Beispiels großer Rezitationskunst: Schauspieler Ben Becker war mit seinem gut einhundertminütigen Programm "Der ewige Brunnen" nach Ingelheim gekommen und hatte die 350 Zuschauer so begeistert, dass es zum Schluss "Standing Ovations" gab.
Am Klavier kongenial begleitet von Yoyo Röhm hatte der 44-jährige gebürtige Bremer aus der gleichnamigen Sammlung von Gedichten und Balladen ausgewählte Kostbarkeiten dargeboten. Schiller, Goethe, Fontane, Storm und Hebbel waren nur einige der Verfasser großer deutscher Dichtkunst, die Becker ebenso kraftvoll wie sensibel ehrte.
"Wir haben beschlossen, Spaß mit Ihnen zu haben - ein paar Gedichte vorzutragen, das ist unser Plan", begrüßte ein auffallend gutgelaunter und heiterer Ben Becker sein Publikum. Am Altar brannten die Kerzen, starke Scheinwerfer beleuchteten grell den als schwierig bekannten Mimen, der ganz in Schwarz gekleidet war. An seiner Hand blitzte ein massiver silberner Totenkopfring, symbolisch für die gesamte Lesung.
Tod, Verlust, Bedrohung, Gewalt und Gefahr wurden in fast jedem der knapp 15 lyrischen Stücke thematisiert. Etwa wenn in der grausamen Schauerballade "Der Heideknabe" (1844) von Friedrich Hebbel ein Junge erleben muss, wie sein Alptraum wahr wird und er brutal ermordet wird. Oder in dem düsteren Gedicht "Die Goldgräber" von Emmanuel Geibel (1815-1884), das ebenfalls mit dem Tod der drei Protagonisten endet.
Trotzdem war der Auftritt des Ben Becker, der noch im August den Tod im berühmten Salzburger "Jedermann" gespielt hat, nicht bedrückend oder melancholisch. Dafür strahlte der in Berlin lebende Künstler eine viel zu große, geradezu animalische Lebendigkeit aus.
Zudem waren seine Ansprachen mit sonorer Stimme an das Publikum von heiterer Natur, immer wieder musste sich der charismatische Becker, der an einem kleinen Pult saß und ansonsten auf Requisiten weitgehend verzichtete, schier ausschütten vor Lachen.
Er fühlte sich sichtlich wohl in Ingelheim ("Ist aber sehr schön hier in dieser Kirche!"), amüsierte er sich über die Lichtverhältnisse ("Wir sehen nur die ersten drei Reihen, dahinter ist wohl der liebe Gott") und provozierte ("Wenn Sie wollen, können wir auch eine Pause machen - dann rauche ich eine Zigarette in der Sakristei!").
"Warum schreibt heute eigentlich keiner mehr solche Gedichte?", fragte er, und widerlegte sich fast auf der Stelle selbst, indem er das wunderbar melancholische Rio Reiser-Lied "Übers Meer" sang.
Ben Becker verriet auch, wie ihm ursprünglich die Idee zur dieser musikalischen Lesung kam: als Sohn der Schauspieler Monika Hansen und Rolf Becker und aufgewachsen mit dem großartigen Otto Sander als Stiefvater, feierte man Weihnachten zusammen mit weiteren Schauspielgrößen wie Bruno Ganz. Dabei war es eine gute, feucht-fröhliche Tradition, dass mit großer Leidenschaft Balladen aus "Der ewige Brunnen" vorgetragen wurden.

