Einst Kohlehändler in der Bahnhofstraße
08.11.2010 - INGELHEIM
MAHNUNG Nur noch Messingplatten erinnen an Familie Mayer in Ober-Ingelheim
(pea). Vor wenigen Wochen hat der Kölner Künstler Günter Demnig auf Initiative des Deutsch-Israelischen Freundeskreises (DIF) zwölf weitere Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt. Sie erinnern an Ingelheimer Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.
Wer waren die jüdischen Familien, an die mit den Gedenktafeln aus Messing erinnert wird? Dieser Frage geht die Allgemeine Zeitung in einer vierteiligen Serie nach. Am oberen Ende der Bahnhofstraße war früher eine Holz- und Kohlenhandlung. Genau dort, wo sich heute ein Parkplatz mit Bushaltestelle befindet, hatte die jüdische Familie Mayer bis in die 1930er Jahre ihr Geschäft. Seit 1863 war die Holz- und Kohlenhandlung in Familienbesitz. In dem Laden in der Bahnhofstraße wurden Back- und Tuffsteine, Kaminrohre, Koks oder Wagnerhölzer verkauft. Auch Baumaterialien, Kisten und Koffer waren dort zu bekommen.
Regelmäßig warb der jüdische Kohlenhändler Moritz Mayer im Rheinhessischen Beobachter mit großformatigen Anzeigen. Als Moritz Mayer am 2. Juni 1892 völlig überraschend mit nur 38 Jahren starb, ließ er seine Ehefrau Henrietta Mina Mayer, geborene Stein, mit sechs kleinen Kindern zurück. Wer nach dem Tod des Familienvaters den Betrieb weiter führte, darüber gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Vermutlich aber war es seine Witwe Henrietta Mina. Sie leitet den Betrieb wohl so lange, bis ihr jüngster Sohn Moritz Martin die Geschäfte übernahm.
Am 17. Februar 1933 wurde in der Ingelheimer Zeitung über die „Firma Kohlen-Mayer“ berichtet. Anlass war das 75-jährige Bestehen des Familienbetriebes. Bei dieser Gelegenheit teilte die Zeitung ihren Lesern auch mit, dass die Kohlenhandlung einen neuartigen Küchenbrennstoff auf den Markt bringen werde, der unter anderem „ruß- und schlackenfrei“ sei. In den 1930er Jahren waren in der Holz- und Kohlenhandlung auch Artikel wie Bohnenstangen, Rosenpfähle, Baumstützen oder Einfriedungspfähle zu haben.
1934 wurde das Anwesen der Familie Mayer an den „arischen“ Kohlenhändler Johann Rauth verkauft. Während Moritz Martin Mayer mit seiner Familie nach Berlin zog, wohnte seine Mutter Henrietta Mina zunächst weiter in der Bahnhofstraße. Am 3. Oktober 1939 zog auch sie, wie viele andere Ingelheimer Juden, nach Mainz. Von dort wurde die 81-Jährige am 28. September 1942 über Darmstadt nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 13. Oktober 1942 ermordet wurde.
Freitod als einzige Lösung
An ihr Schicksal erinnert ein Stolperstein, den der Kölner Künstler Gunter Demnig vor der Bushaltestelle in der oberen Bahnhofstraße in den Gehweg eingelassen hat. Rechts und links davon liegen zwei weitere Messingtäfelchen. Sie sind dem Gedenken an ihre Söhne Ferdinand und Robert gewidmet. Ferdinand Moses Mayer wurde am 7. Juli 1887 geboren und war das dritte Kind von Henrietta Mina. Er besuchte bis 1901 die Höhere Bürgerschule in Ober-Ingelheim. Später lebte er in Berlin-Neukölln.
Sein jüngerer Bruder Robert Heinrich Mayer, geboren am 14. Juni 1988, ging bis 1902 auf die Höhere Bürgerschule. Während des Ersten Weltkrieges war Robert Soldat. Mit Unterbrechungen lebte er bis 1922 in Ober-Ingelheim. Später zog er nach Offenbach, wo er als Kaufmann und Fabrikant tätig war. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Robert von der Staatspolizei Offenbach in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau gebracht. Wann er wieder entlassen wurde, ist nicht bekannt.
Beide Brüder, Ferdinand und Robert Mayer, überlebten die NS-Zeit nicht. Ferdinand starb am 11. März 1940 in Berlin und Robert am 22. März 1943 in Offenbach. Beide flohen vor den Nazis in den Freitod. Die Brüder wurden nur 52 beziehungsweise 54 Jahre alt.

