Poesie des Alltäglichen
03.09.2010 - INGELHEIM
Von Helena Sender-Petry
FOTOGRAFIE Sonderausstellung der Internationalen Tage präsentiert Werke von Renger-Patzsch und Hütte
Sein Blick auf die Phänomene der Welt war klar, schnörkellos, unsentimental. Ob Industrieanlagen, Schlossruinen, Weinberge oder Alleen - immer wenn Albert Renger-Patzsch seine Kamera positionierte und auf den Auslöser drückte, schuf er mehr als „nur“ Fotografien. Diese besondere Qualität des Künstlers, der dem Alltäglichen einen eigentümlichen Reiz, auch Poesie verlieh, faszinierte auch Ernst Boehringer, der den längst etablierten Vertreter der „Neuen Sachlichkeit“ beauftragte, den Rheingau ins Bild zu setzen. 1953 erschien der Fotoband „Lob des Rheingaus“, die erste von vier Publikationen mit Arbeiten von Renger-Patzsch, die Boehringer Ingelheim initiiert und finanziert hatte.
Ausstellung zum Jubiläum
125 Jahre Boehringer Ingelheim waren nun der Anlass, Axel Hütte zu beauftragen, das Thema „Rheingau“ aufzugreifen und neu zu interpretieren. Die Sonderausstellung der Internationalen Tage, die ab Freitag im Alten Rathaus für vier Wochen zu sehen ist, zeigt auf beeindruckende Weise, wie sehr sich die Sicht auf die Landschaften verändert hat. Der Besucher wird Teil einer Zeitreise durch eine vetraute Region, besucht Städte, blickt in Innenräume und verliert sich in Märchenwäldern - fern aller Klischees.
Bildbände im Keller entdeckt
Durch Zufall entdeckten Boehringer-Mitarbeiter in einem Keller Restbestände des ersten Bildbands von Renger-Patzsch - und Dr. Patricia Rochard, Kuratorin der Internationalen Tage, wurde aktiv. Schnell war die Idee geboren, eine Ausstellung auf den Weg zu bringen, zumal im Boehringer-Archiv die Originalfotos aufbewahrt wurden. Axel Hütte, der laut Dr. Rochard den Ruf genießt, einer der besten Landschaftsfotografen der Gegenwart zu sein, entwickelte nicht nur das künstlerische Konzept. Seine Rheingau-Fotografien, die im vergangenen Winter entstanden, werden zum ersten Mal gezeigt. Sie sind im Auftrag von Boehringer Ingelheim für dieses Projekt entstanden. Zu den 20 ausgestellten Arbeiten gehört eine Werkgruppe von zehn Unikaten: Tableau „Rheingau I -X“.
„Albert Renger-Patzsch wollte die Zeit einfrieren, wollte den Moment festhalten. Ich will irritieren“, sagt Axel Hütte, der manchmal Stunden, auch Tage auf aufsteigenden Nebel in klirrender Kälte warten musste, um unkonventionelle „Naturstücke“ zu schaffen, die, so Hütte, „weniger auf das Motiv als auf den wahrnehmenden Blick gerichtet sind“. Hütte bildet nicht ab, er malt, tupft und zeichnet mit seiner Kamera. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit Abbildungen aller ausgestellten Werke und einem Text von Klaus Honnef. Übrigens: 100 der im Keller aufgetauchten Originale „Lob des Rheingaus“ aus dem Jahr 1953 gehen laut Dr. Rochard in den Verkauf. . Feuilleton

