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Ingelheim 

Kam eine Päpstin aus Ingelheim? Historiker suchen nach Hinweisen

22.10.2009 - INGELHEIM

Von Helena Sender-Petry

Wild wirbelt der Schnee durch Ingelheimer Gassen im Winter 814, als dem Dorfpriester ein Mädchen geboren wird: Johanna. Mit dieser Szene führt die Schriftstellerin Donna W. Cross in die Geschichte einer Frau ein, die als Päpstin Johanna den Heiligen Stuhl bestieg. Soweit die Legende. Denn in Ingelheim finden sich keinerlei Spuren dieser Frau.

Warum Ingelheim?

„Donna W. Cross verweist auf die Existenz eines sehr alten Exemplars des Liber Pontificalis, eine höchst umstrittene Handschrift, in der das Pontifikat Johannas verzeichnet sein soll“, sagt Dr. Gabriele Mendelssohn, Leiterin des Museums bei der Kaiserpfalz. Hierbei handelt es sich um ein Dokument des Gegenpapstes Anastasius Bibliothecarius, der ein Zeitgenosse der Päpstin gewesen wäre.

Jedoch findet sich die Angabe lediglich in einem Manuskript, das in der vatikanischen Bibliothek liegt. Die Bemerkung zur Päpstin ist von einem späteren Schreiber als Fußnote nachgetragen worden. Erstmal berichtet die Chronica Universalis Mettensis des Jean Mailly Mitte des 13. Jahrhunderts von einer Päpstin Johanna. Dieser Name geht auf die Chronik des Dominikaners Martin von Troppau zurück.

Doch warum Ingelheim? „Es könnte sein, dass es für die Autorin attraktiv war, ihre Johanna in die Nähe Karls des Großen zu rücken. Die Karolingerzeit war eine ereignisreiche Epoche.“ Im Grunde sei diese Frau im Priestergewand nicht zu verorten, erst nach Erscheinen des Romans 1996 sei Ingelheim ins Spiel gekommen. So wundert es die Museumsleiterin nicht, dass ein Bericht der Fernsehzeitschrift „Hör zu“ in ihrer jüngsten Ausgabe die legendäre Gestalt zur Mainzerin macht. Für Dr. Mendelssohn steht fest: „Es gibt keine verbriefte Quelle, die eine Päpstin erwähnt – auch wenn diese Gestalt seit Jahrhunderten durch die Literatur spukt.“

Und doch: Päpstin Johanna wird erwähnt

Der offizielle Nachfolger von Papst Leo IV. war Benedikt III., von dem jedoch nur wenige belegte Informationen vorliegen. Einige vermuteten deshalb, dass Benedikt III. von der römisch-katholischen Kirche erfunden wurde, als im 17. Jahrhundert Päpstin Johanna aus der Geschichte getilgt worden sei. Jedoch gibt es Münzen, die Benedikt III. zusammen mit dem am 28. September 855 verstorbenen Kaiser Lothar zeigen. Am 7. Oktober 855 erließ Benedikt III. eine Charta für die Abtei Corvey, zudem ist seine Korrespondenz mit dem Erzbischof von Reims und sein Rundschreiben an die Bischöfe im Reich Karls des Kahlen erhalten. Eine andere Theorie nimmt an, dass Päpstin Johanna zwischen Leo IV. und Benedikt III. den Heiligen Stuhl innehatte.

Diese Theorie lässt sich ebenfalls nicht durch historische Belege bestätigen. Der byzantinische Patriarch Photios I., der ein Gegner des römischen Papsttums war, erwähnt in seinen Schriften Leo und Benedikt als aufeinander folgende Päpste. Es findet sich auch dort, bei aller Kritik am römischen Papsttum, kein Hinweis auf eine Päpstin. Und dennoch: Päpstin Johanna wird in verschiedenen historischen, aber auch unzuverlässigen, Quellen erwähnt. Bis ins 17. Jahrhundert auch in kirchlichen Quellen.

Stoff für wissenschaftliche Arbeiten

In einem dicken Ordner hat Dr. Mendelssohn alles gesammelt, was Ende der 1990er Jahre von Menschen aus ganz Deutschland angefragt wurde. „Der Roman hat bewegt, besonders Frauen“, erinnert sich die Museumsleiterin. Selbst eine Facharbeit wurde geschrieben, am Otto-Hahn-Gymnasium in Geesthach. „Die Schülerin bezieht sich auf die Recherchen von Peter Stanford.“ Von Ingelheim ist hier übrigens nicht die Rede. Denn dieser Autor macht Johanna ungeniert zu einer Engländerin, die im Zuge der Christianisierung nach Deutschland gelangte.

Johanna im Film gespielt von Johanna Wokalek. Foto: Repro.High

Johanna im Film gespielt von Johanna Wokalek. Foto: Repro.HighVergrößern

Gewinnspiel

Folgende zehn Inhaber einer ABOplus-Card haben ein Ticket für den Kino-Event „Die Päpstin“ am Dienstag, 27. Oktober, gewonnen:
Sven Kölsch (Bingen), Susanne Zindritsch (Ingelheim), Bärbel Sprenger (Ingelheim), Ludwig Kleisinger (Gau-Algesheim), Marianne Sparrer (Ingelheim), Hela Lauer (Gensingen), Georg Leufen-Verkoyen (Münster-Sarmsheim), Doris Piltz (Bingen), Inge Walz (Nieder-Hilbersheim) und Hilde Lukas (Bingen). Die Karten liegen an der Abendkasse bereit.

Inhaber einer ABOplus-Card erhalten ab dem Start des Streifens am Donnerstag, 22. Oktober, für die Vorstellung um 20.15 Uhr, solange „Die Päpstin“ in Ingelheim läuft, eine Vergünstigung von einem Euro pro Eintrittskarte.

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22.10.2009 Dieser Kommentator ist bei uns nicht registriert.

Es ist ein Film

Hallo,
Zu dem Vorredner: ist das denn so wichtig, ob und wann die Dame ganz genau in Ingelheim lebte?

Es gibt schon sehr viele Filme, deren Handlungsorte, die Zeit und die Personen nicht mit der Realität übereinstimmen.
Das sollte man sich immer klar sein, wenn man sich einen Film ansieht.
Wichtig ist die Unterhaltung und dass der Film nicht langweilig ist.
Finde ich.

22.10.2009 klaus.powitz, dieser Kommentator ist bei uns registriert.

Wann kam Ingelheim ins Spiel?

Sie schreiben, dass erst nach dem Erscheinen des Romans "Die Päpstin" 1996 Ingelheim ins Spiel gekommen sei. Dem ist nicht so, denn bereits im 19. Jahrhundert schrieb der Ostpreuße Ferdinand Gregorovius in seiner "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter" über die angebliche Päpstin:"Ein schönes Mädchen, die Tochter eines Angelsachsen, obwohl in Ingelheim geboren, glänzte, so wurde gesagt, in den Schulen von Mainz durch ungewöhnliche Gaben des Genies." (aaO., dtV-Ausgabe von 1988, S.518)

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