Messingplatten in Bahnhofstraße 23 erinnern an Karl und Lilly Neumann
Alles begann 1997 in Berlin. Dort wurden die ersten Stolpersteine von Gunter Demnig verlegt. Auch in Ingelheim soll auf diese Weise an unschuldige Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden. Diese kleine AZ-Serie will ebenfalls einen Beitrag dazu leisten.
Von
Beate Schwenk
Zwei Stolpersteine liegen seit Anfang Oktober in der Bahnhofstraße 23. Sie erinnern an Karl und Luise (Lilly) Neumann, die im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurden. In dem Haus, in dem sich heute ein Modegeschäft befindet, lebte bis 1938 die jüdische Familie Neumann. Vater Karl war Weinhändler und betrieb mit seinem jüngeren Bruder Moritz die Weinhandlung Laufer & Co. Karls Ehefrau Lilly Neumann, eine geborene Mayer, stammte aus einer alteingesessenen Ingelheimer Familie. Ihre Vorfahren lassen sich bis ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Der älteste entzifferbare Grabstein der Familie auf dem jüdischen Friedhof in der Hugo-Loersch-Straße datiert aus dem Jahre 1885.
Das Ehepaar Karl und Lilly hatte drei Kinder: die beiden Söhne Walter und Hans sowie Tochter Bertha Luise. Vater Karl Neumann war im Ersten Weltkrieg ein engagierter Soldat. Auf einem Foto des Ingelheimer Landsturms ist der jüdische Weinhändler in der Uniform eines Unteroffiziers zu sehen. Am 2. März 1936 erhielt der Jude Karl Neumann das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. Wohlgemerkt in einer Zeit, als jüdische Bürger bereits überall in Deutschland massiven Anfeindungen und Übergriffen ausgesetzt waren. Auch politisch war Karl Neumann in den 30er Jahren aktiv. Bei der Wahl des Reichspräsidenten am 10. April 1932 fungierte er als Beisitzer im III. Bezirk.
Stolpersteine
Dann kam die Reichspogromnacht 1938. In Ingelheim fanden die Übergriffe am 10. November statt. Am helllichten Tag drang ein Schlägertrupp in die Wohnung der Neumanns ein und schlug alles kurz und klein. Als der 18-jährige Sohn Hans, damals Schlosserlehrling in Wiesbaden, von der Arbeit nach Hause kam, traute er seinen Augen nicht. Die Vermieterin Frau Thierbach zeigte ihm ganz aufgeregt, was der Mob angerichtet hatte. Die Wohnung im 2. Stock war völlig demoliert. Das gesamte Mobiliar lag zertrümmert im Hof. Vater Karl war verhaftet worden. Hans´ ältere Geschwister hatten Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen.
Wenige Tage nach dem Pogrom wurde auch Hans am Bahnhof in Wiesbaden festgenommen und - wie sein Vater - vorübergehend im KZ Buchenwald interniert. Nach der Entlassung zog die Familie nach Wiesbaden, wo sie eine Wohnung gekauft hatte. Nun setzte man alle Hebel in Bewegung, um Deutschland zu verlassen. Hans erhielt schon bald vom Konsulat in Stuttgart das ersehnte Visum für die Einreise nach Amerika, wo bereits seine ältere Schwester und ein Vetter lebten. Auch Karl und Lilly hatten ein Visum beantragt, doch sie warteten vergebens. Bis kurz vor Deportation im September 1942 stand Hans, der sich in Amerika nun Harry Neumann nannte, in Briefkontakt mit seinen Eltern. Dann brach die Verbindung für immer ab. Der jüdische Weinhändler Karl Neumann wurde am 7. März 1943, seine Ehefrau Lilly am 10. April 1944 im KZ Theresienstadt ermordet.
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