Namensstreit: Ingelheimer Bündnis gegen Gewalt und Rassismus plädiert für Benennung der Hermann-Berndes- in Renate Wertheim-Straße
22.02.2012 - INGELHEIM
Von Beate Schwenk
Wie die Person Hermann Berndes historisch einzuordnen ist, darüber wurde in Ingelheim schon viel diskutiert. Natürlich auch darüber, dass eine Straße in Ober-Ingelheim seinen Namen trägt. Bereits in der Vergangenheit hatte es Bestrebungen für eine Umbenennung der Hermann-Berndes-Straße gegeben. Nun unternimmt das „Ingelheimer Bündnis gegen Gewalt und Rassismus e.V.“ (In-RAGE) einen neuerlichen Vorstoß. „Hermann Berndes war ohne Zweifel das letzte Opfer der Nazis in Ingelheim, aber er hat zwischen 1933 und 1938 in Ingelheim aktiv die Ziele der Nazis gegen Demokratie und Menschlichkeit gefördert“, schreibt Dieter Engelhard, Vorsitzender von In-RAGE, in einem Brief an Oberbürgermeister Ralf Claus und an die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen. Dass Berndes wegen seines Kapitulationsaufrufs im März 1945 von seinen eigenen Leuten hingerichtet worden sei, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass er zuvor ein eifriger Nazi gewesen war. Berndes sei daher kein Vorbild und verdiene keine Ehrung. Und zwar weder durch eine Gedenktafel an seiner Hinrichtungsstätte vor dem Nieder-Ingelheimer Rathaus, wie vor Jahren diskutiert, noch durch einen Straßennamen.
Das Bündnis hat sich auch Gedanken darüber gemacht, wie die Straße künftig heißen soll. „Wir schlagen Renate Wertheim vor“, so Dieter Engelhard. Das damals siebenjährige Mädchen zählte zu den letzten 17 Ingelheimer Juden, die am 20. September 1942 von den Nazis abgeholt und in die Konzentrationslager Treblinka und Theresienstadt deportiert wurden. Mit Renate Wertheim würde eine Person geehrt, die zu den Verfolgten des Nationalsozialismus gezählt habe, begründet das Bündnis seinen Vorschlag.
„Bisher haben wir auf unsere Schreiben noch keine Rückmeldungen erhalten“, erklärt Dieter Engelhard. Weder von politischer Seite, noch von den Anliegern, die man ebenfalls angeschrieben hat. Gleichwohl ist er zuversichtlich, dass der Vorstoß Erfolg haben wird. Bei einer Veranstaltung im WBZ vor einigen Jahren, in der über eine Berndes-Gedenktafel diskutiert worden sei, habe es nicht nur ein klares Stimmungsbild gegen diese Ehrung gegeben, sondern obendrein eine Tendenz für die Änderung des Straßennamens, erinnert Engelhard.
Dass der Vorschlag des Bündnisses in der jüngsten Sitzung des Ältestenrats erörtert worden ist, bestätigt die Pressestelle der Stadtverwaltung. Abschließend diskutiert worden sei das Thema aber nicht. Es habe unterschiedliche Meinungen gegeben, und der Vorschlag werde nun in den Fraktionen weiter diskutiert. Zudem müsse geprüft werden, ob es neue Erkenntnisse über Hermann Berndes gebe. Hierzu werde man auch die im Zuge des Projekts „Ingelheim im Nationalsozialismus“ erarbeitete Veröffentlichung zu Rate ziehen.
Die Publikation „Freudige Gefolgschaft und bedingungslose Einordnung“ enthält unter anderem einen Beitrag von Hans-Georg Meyer über den „Volkssturmführer Hermann Berndes“. In seinem Aufsatz setzt sich der Autor nicht nur mit Berndes’ letzten Tagen im März 1945 auseinander, sondern auch mit der Vorgeschichte. Bilanzierend stellt Hans-Georg Meyer fest, dass „die Geschichte von Hermann Berndes weiter äußerst umstritten“ bleibt. Nicht zuletzt aufgrund der bisweilen kontroversen Quelleninhalte und der höchst widersprüchlichen Zeugenaussagen. Ihren heutigen Namen erhielt die Hermann-Berndes-Straße, die in der Nazizeit Adolf-Hitler-Straße hieß, im Mai 1945 auf Anordnung des neuen Bürgermeisters Georg Schick, der Hermann Berndes als „Märtyrer der Stadt Ingelheim“ bezeichnete.
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