Wurst am Automaten bezahlen
23.09.2011 - INGELHEIM
Von Gerhard Grunwald
METZGEREI Neuer Service sorgt für mehr Hygiene an der Verkaufstheke
In großen Supermärkten haben sie vielerorts bereits Einzug gehalten, in kleinen Geschäften stellen sie eher noch die Ausnahme dar. Die Rede ist von modernen Kassenautomaten, an denen Kunden direkt für ihren Einkauf bezahlen können, ohne das Geld über die Theke reichen zu müssen. Das Fleischerfachgeschäft Dobroschke in der Rheinstraße in Frei-Weinheim setzt künftig auch auf diese neue Form des Bezahlens.
„Das ist ja ungewöhnlich!“, wundern sich viele Kunden, die in diesen Tagen die Metzgerei betreten. Mitten im Verkaufsraum steht der weiße, computergesteuerte Automat, der Scheine und Münzen in Empfang nimmt und anschließend das Wechselgeld ausspuckt.
„Mit dem neuen Gerät verfolgen wir zwei Ziele. Zum einen geht es um größere Hygiene beim Bezahlen. Unsere Verkäuferinnen, die ständig mit Wurst und Fleisch zu tun haben, müssen keine Münzen und Geldscheine mehr in die Hand nehmen. Die Prozedur, nach jedem Geldkontakt die Hände zu desinfizieren, entfällt nun. Zum anderen wird durch den Automaten der Bezahlvorgang beschleunigt“, erläutert Metzgerei-Inhaber Nico Dobroschke die Beweggründe für den Kauf des neuen „Angestellten“.
Und wie funktioniert‘s genau? Der Kunde kauft ein wie bisher, anschließend wird von der Verkäuferin ein Bon ausgedruckt und über die Theke gereicht. Mit diesem wickelt der Kunde selbst am Terminal den Bezahlvorgang ab. Ein Barcode-Scanner erfasst den Betrag und sogar unsortiertes Münzgeld kann einfach in eine Auffangschale geworfen werden. Auch das Bezahlen mit der EC-Karte ist an dem Gerät, das im Notfall in vier europäischen Sprachen mit seinem Gegenüber kommuniziert, möglich.
„Der Automat wird von der Kundschaft positiv aufgenommen, die sich über ein Mehr an Hygiene freut“, berichten Nico Dobroschke und seine Frau Katrin nach den ersten praktischen Erfahrungen. Sie sind auch ein bisschen stolz darauf, als erste Metzgerei im Landkreis Mainz-Bingen dieses innovative Gerät angeschafft zu haben. „Als meine Frau diese neue Kassiererin im Internet entdeckt hat, war ich gleich begeistert“, ergänzt der 32 Jahre alte zweifache Familienvater, der 2002 als bislang jüngster Absolvent in Rheinland-Pfalz seine Fleischermeisterprüfung abgelegt hat.
Neben dem bereits beschriebenen Hygieneaspekt schwindet auch die Angst vor Falschgeld, denn der rund 15 000 Euro teure Automat hat einen EZB-geprüften Scheinerkenner.
Klar, dass auch der Zeitfaktor eine Rolle bei der Entscheidung für den vermeintlichen Alleskönner gespielt hat. Der Einkauf kann insgesamt schneller erledigt werden, weil die Verkäuferinnen vom Kassieren entlastet werden. Nico und Katrin Dobroschke beteuern jedoch, dass deshalb keine der 15 Angestellten um ihren Job bangen muss. „Im Gegenteil. Wir suchen sogar noch Fachkräfte“, sagt der Metzger, der in Bingen-Dromersheim ein zweites Geschäft betreibt.
Die Reaktion der Kunden ist laut Aussage der Dobroschkes überwiegend positiv: „95 bis 98 Prozent begrüßen die neue Technik.“ Wie zum Beweis bestätigen zwei Handwerker während eines Besuchs der AZ vor Ort diese Behauptung. „Ich stehe auf bargeldloses Bezahlen und moderne Technik“, sagt Stefan Morgenthaler. „Letztlich juckt‘s mich nicht, ob ich mein Geld auf die Theke hinlege oder in den Automaten schmeiße“, ergänzt sein Kollege. Und auch Elfriede Wissenbach ist voll des Lobes. „Ich bewerte das aus hygienischen Gründen positiv. Ich habe schon zwei- bis dreimal so bezahlt und bin noch lernfähig“, erklärt die 81-jährige Frei-Weinheimerin.
Aber auch kritische Stimmen gibt es. „Das ist mega-unpersönlich“, meint Ursula Hoffmann, die solche Maschinen in kleinen Geschäften als „Störfaktor“ empfindet. Und ein 52 Jahre alter Frei-Weinheimer, der seinen Namen nicht nennen will, findet das Gerät einfach nur „furchtbar“. Beide versichern aber, dass dies beileibe kein Grund sein wird, der Metzgerei die Treue aufzukündigen: „Klar, wir kaufen auch weiterhin hier ein.“

