Der Kulturschock bleibt aus
02.09.2011 - INGELHEIM / LONDRINA
Von Till Folger
JUGENDAUSTAUSCH Till Folger lernt Schul- und Familienleben in Südamerika kennen
Anfang August ist Till Folger zu einem großen Abenteuer aufgebrochen. Der 15 Jahre alte Gymnasiast aus Ingelheim hat sich entschieden, ein Jahr in Brasilien zu leben und dort neue Erfahrungen zu sammeln. Er nimmt teil an einem Jugendaustauschprogramm von „Rotary International“. Till Folger wird für die AZ von seinen Erfahrungen berichten. Hier sein erster Artikel.
Oi gente! Obwohl ich erst seit wenigen Wochen hier bin, kann ich schon jetzt sagen, dass ich mich hier wirklich wohl fühle. Es ist zwar alles ganz anders als zu Hause, und am Anfang habe ich kaum etwas verstanden, aber die aufgeschlossene und freundliche Art der Leute hier erleichtert alles. Gleich bei meiner Ankunft Anfang August bekam ich zu spüren, wie herzlich Brasilianer sind. Alle umarmen sich zur Begrüßung und geben sich Küsse auf die Wange. Selbst Personen, die man noch nicht kennt. Meine Gastfamilie besteht, abgesehen von meinen Gasteltern Rodilson und Poli, aus meinen beiden Schwestern Lari und Thita. Lari studiert in einer anderen Stadt hier in der Nähe und ist daher nur ab und zu zuhause, und Thita fliegt diese Woche nach Thailand.
Zweites Zuhause in Londrina
Sie macht den gleichen Schülerjahresaustausch wie ich. Und so bin ich schon bald das einzige Kind der Familie, was für mich mit drei Schwestern in Ingelheim fremd ist. Aber weil es so anders ist, wird es bestimmt auch irgendwie aufregend. Ich habe jetzt schon die ganze Familie in mein Herz geschlossen wie sie mich. Und für mich ist ihre Wohnung jetzt mein Heim. Neben Ingelheim habe ich jetzt also ein zweites Zuhause: Londrina.
Die Stadt liegt im Bundesstaat Paraná in Südbrasilien, von São Paulo aus, wo ich auf meinem Weg umsteigen musste, etwa 500 Kilometer landeinwärts in Richtung von Argentinien beziehungsweise Paraguay. Mit etwas mehr als 500 000 Einwohnern liegt sie in Brasilien zwar nur auf Rang 39, wirkt aber aufgrund ihrer vielen Hochhäuser größer. Neben der imposanten Skyline sind für mich die Hauptattraktionen der See Lago Igapó sowie die Einkaufsmall Catuaí mit über 300 Läden.
Das sind die Orte, an denen ich am meisten bin - mit brasilianischen Freunden, die ich über meine Schwester oder aus der Schule kenne, oder mit anderen Austauschschülern. Mittlerweile beginne ich, mich hier auszukennen und kann überall alleine mit dem Bus hinfahren.
Diese Selbstständigkeit bedeutet mir viel. Vor allem, weil sie in Lateinamerika großer Luxus ist.
Auch mit der Sprache komme ich mittlerweile besser klar. Nicht nur, dass es am Anfang das ein oder andere Missverständnis gab, weil ich nichts verstanden habe, auch die Schule ist extrem langweilig, wenn man nichts versteht. Aber weil ich mich mittlerweile besser an die Aussprache hier gewöhnt habe und jeden Tag neue Wörter lerne, verstehe ich immer mehr. Das macht auch die Kommunikation mit meinen Mitschülern leichter, die von Anfang an, wie alle andern auch, nett und offen auf mich zukamen.
Die größte Umstellung für mich ist bisher das Essen. Auch wenn manche Sachen wie beispielsweise pastéis, mit zum Beispiel Fleisch oder auch Schokolade gefüllte Teigtaschen, oder das Obst hier wirklich lecker sind, schmeckt das meiste für mich zu anders als das, was ich gewohnt bin. Denn eigentlich enthält für meine deutschen Geschmacksnerven alles zu viel Zucker, Salz oder Fett.
„Ich freue mich auf die Menschen hier“
Außerdem gibt es unter der Woche eigentlich immer das gleiche: feijoada, Fleisch mit Bohnen und Reis. Das schmeckt zwar eigentlich ganz lecker, ist aber mittlerweile schon etwas anstrengend.
Insgesamt muss ich sagen, dass der Kulturschock bisher angenehmerweise kleiner ausfiel als erwartet und ich mich wirklich auf die restliche Zeit in dieser Stadt, diesem Land und mit diesen Menschen freue.

