„Nur zu sterben war erlaubt“
31.08.2011 - INGELHEIM
Von Heinrich W. Hamann
ZEITZEUGEN-PROJEKT Überlebende berichten im Sebastian-Münster-Gymnasium über den Holocaust
Sechs KZ- und Ghettoüberlebende aus Polen und Belgien haben jetzt das Ingelheimer Sebastian-Münster-Gymnasium besucht und über ihre Erlebnisse während der Zeit des Nationalsozialismus berichtet. Die Zeitzeugen, die schlimmste Gräuel in den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück, Sachsenhausen, im Kinderlager Lodz und im Ghetto Kolomea (Kolymija) überlebten, sind heute zwischen 73 und 89 Jahre alt.
Der Direktor des Sebastian-Münster-Gymnasiums, Arno Lergenmüller, sagte bei der Begrüßung der von Ehrenamtlichen des Bistums Mainz begleiteten Gruppe, das Zusammentreffen gebe den Schülern, jenen jungen Menschen, die bald die Geschicke unseres Landes mitbestimmten, Gelegenheit zu mahnender Erinnerung, um eine friedvolle Zukunft mitzugestalten.
Schülerinnen und Schülern der elften Klassenstufe berichtete Ruta Wermuth-Burak von ihrer kurzen Kindheit. Die polnische Jüdin - sie besuchte die Schule mit großer Freude - wurde als Dreizehnjährige aus ihrem jüdisch-polnisch-ukrainischen Kultur- und Freundeskreis gerissen. Bevor sie das Ghetto-Dasein in ihrer Heimatstadt Kolomea ertragen musste, hatten drei Kulturen ihre Erziehung geprägt. Die folgenden Jahrzehnte brachten nur Leid: ein Leben im Ghetto, danach Deportation, Flucht, Zwangsarbeit. Von Gräueln berichteten auch die anderen fünf Überlebenden in den Schulsälen der elften Klassenstufe.
Ruta Wermuth-Buraks Heimat kam, nachdem Polen innerhalb von zwei Wochen militärisch besiegt war, zunächst unter sowjetische Herrschaft, was die Eltern für das Ende der Welt hielten. Aber dieses brach erst über sie herein, als die Nazis die Sowjetunion überfielen. Von diesem Zeitpunkt an war Juden alles verboten, nur zu sterben war erlaubt, verdeutlicht die alte Dame den Schülern.
Zur Rettung aus dem Zug geworfen
Ruta wurde 1942 mit ihren Eltern in Viehwaggons zum Vernichtungslager Belzec transportiert, nachdem sie zuvor von Erschießungskommandos in Kolomea aussortiert worden waren, „um noch kurz überleben zu dürfen“.
Um dem Horror zu entkommen, wird sie von den verzweifelten Eltern aus dem Zug geworfen; der Vater wird bei diesem Fluchtversuch erschossen. Irgendwie findet sie später zur Mutter. Nach Jahren gelang es ihr, die sie gut polnisch ohne jiddischen Akzent sprach, sich als Polin nach Deutschland zur Zwangsarbeit zu melden.
Diese und viele Schrecknisse, aber auch dass sie - nach 53 Jahren der Suche den Bruder in England wieder fand, der sich, 15-jährig, der Sowjetarmee angeschlossen hatte, hat Ruta Wermuth-Burak in ihrem preisgekrönten Buch „Im Mahlstrom der Zeiten“ niedergeschrieben. Hierin schildert sie auch, wie sie einen Landsmann heiratet und wie sich spät, als die eigenen Kinder zur Schule gingen, ihr Hass langsam milderte. Heute lebt die Seniorin, die sich seit vielen Jahren als Zeitzeugin engagiert und dafür einsetzt, dass solche Dinge nie wieder passieren, im ehemaligen Liebau, das heute Lubawka heißt.

