Scheitern als Chance
16.02.2012 - CAMPUS
Von Fabian Scheuermann
Studienabbruch Jeder fünfte Student verlässt frühzeitig die Hochschule
Isabell Töpel hat das Handtuch geworfen. 2004 hatte sie ihr Biologiestudium an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) begonnen, 2006 zu Anthropologie auf Magister gewechselt. Letzten Oktober, nach sieben Jahren Studium, hat sie einfach keinen Semesterbeitrag mehr gezahlt. Die Exmatrikulation kam per Post. Kurz vorher hatte Isabell einen Vertrag unterschrieben: für eine Ausbildung zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin.
Mit ihrer Entscheidung, das Studium abzubrechen, ist Isabell nicht allein. Mehr als jeder fünfte Student in Deutschland führt laut einer Studie der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) aus dem Jahr 2008 sein Studium nicht zu Ende - die Zahlen sind seit Jahren konstant und auch seit Einführung des Bachelor nicht gesunken. Vor allem Studiengängen wie Physik und Mathematik, aber auch Sprach- und Kulturwissenschaften wird der Rücken zugekehrt.
Die Gründe für den Studienabbruch sind vielfältig. HIS zufolge befinden sich darunter hoher Leistungsdruck, mangelnde Studienmotivation sowie finanzielle Probleme. Im Bildungsbericht 2010 des Bundesministeriums für Bildung und Forschung heißt es, Studierende aus finanziell schwächeren Elternhäusern seien vermehrt unter den Studienabbrechern zu finden.
Auch Magdalena Palka, Studienberaterin an der JGU und Mitarbeiterin beim dortigen „Career Service“, teilt diese Einschätzung. Manch einer, der zu ihrer Beratung komme, arbeite wöchentlich neben dem Studium „zwanzig Stunden nur zum Überleben“. Und „manchen“, so Palka, gehe da „irgendwann einfach der Atem aus“. Doch das Anhäufen verschiedener Nebenjobs kann auch ein Zeichen dafür sein, dass man sich von seinem Studium einfach etwas anderes erwartet hat. Auch spielen psychische Gründe wie Prüfungsangst eine Rolle. „Für manche ist das Ganze schon sehr dramatisch“, beschreibt Palka vor allem mit Blick auf Langzeitstudenten die Situation. Geht der Druck gar an die psychische Substanz, verweist sie die Studenten auch an die psychotherapeutische Beratungsstelle.
Weder Prüfungsangst noch Geldsorgen waren hingegen die Gründe für Isabells Abbruch der Akademikerlaufbahn - sondern der aus ihrer Sicht fehlende Praxisbezug ihres Studiums sowie die schlaffe Studienstruktur.
Eine richtige Ahnung, was sie nach ihrem Abschluss in Anthropologie erwarten würde, hatte die Wiesbadenerin ohnehin nie. Und „alleine im Labor hocken“ - das wollte sie nicht. So gingen die Semester ins Land und kletterten in den zweistelligen Bereich. Isabells Motivation schmolz dahin. „Und es war so einfach, sich hängen zu lassen“, beschreibt sie die letzten zwei Jahre ihres Studiums: „Ich konnte alles vor mir herschieben.“
Doch jetzt - der Neustart. Nach einem erfolgreich absolvierten Praktikum in den Wiesbadener Horst-Schmidt-Kliniken unterschrieb sie dort ihren Ausbildungsvertrag zur Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin. Da war sie endlich - die berufliche Vision, nach der Isabell all die Jahre erfolglos gesucht hatte. „Meiner Mutter habe ich es erst verraten, nachdem ich schon unterschrieben hatte“, erzählt Isabell.

