Wie Mainzer Medizin-Studenten von Spenderleichen Abschied nehmen
02.03.2011 - MAINZ
Von Mara Braun
Zu Beginn herrscht Murmeln und Füße scharren im Gotteshaus. Neugierig mustern die etwa 300 Medizinstudenten die ungewohnte Umgebung, kichern und flüstern. Als die Orgel erklingt, wird es leise in den Holzstuhlreihen, doch nicht still – ein Gefühl der Unruhe und Unsicherheit bleibt.
„Sie sind es, denen der Spender seinen Leib anvertraut hat“, sagt Dr. Erhard Weiher mit sanftem Nachdruck. „Dadurch haben sie ihn vielleicht so intensiv kennengelernt, wie Sie nie wieder einen Menschen kennen werden.“ Die Stille, die seinen Worten folgt, verändert die Stimmung in der Kirche. Nach und nach lassen die Studenten sich ein auf die ungeübte Situation, blenden ihr Unwohlsein aus. Und hören auf, die eigene Ratlosigkeit zu überspielen im Angesicht des Todes, dem sie im ausgehenden Semester zweimal wöchentlich im Präparierkurs begegnet sind.
Der Tod als Vorbereitung für Lebensretter
Schräg fällt das Nachmittagslicht durch die Mosaikfenster in die Kirche der Katholischen Hochschulgemeinde. Die angehenden Mediziner haben ihre Jacken angelassen, unter den Worten des Pfarrers rücken sie dennoch näher zueinander. Verständige Blicke werden getauscht, hier und da Hände gedrückt. „In ihrem Beruf wollen sie Leben retten, als Vorbereitung haben Sie mit dem Tod zu tun – das ist keine leichte Aufgabe“, betont Weiher.
Aus diesem Spannungsfeld heraus ist die Idee entstanden, eine besondere Form zu finden, um mit diesem prägenden Semester abzuschließen: In einem konfessions- und religionsübergreifenden Gottesdienst können die künftigen Ärzte Abschied nehmen von den Spenderleichen, an denen sie zuvor gelernt haben.
Rückblende: Der Raum, in dem die Medizinstudenten in Mainz an den Anatomieleichen arbeiten, ist in einem unauffälligen Gebäude auf dem Campus – ein schmaler Schlauch unter dem Dach, lang und lichtdurchflutet. In kleinen Gruppen stehen die Zweit- und Drittsemester um die Liegen aus Edelstahl, auf denen die Spender platziert sind. Jetzt, zum Ende des Semesters, sind diese bereits sprichwörtlich in ihre Einzelteile zerlegt: der Kopf vom Rumpf getrennt und gespalten, die Haut fast überall entfernt, Organe entnommen.
„Eklig fand ich es nur am Anfang“
„Eklig fand ich es nur am Anfang, als noch alles so am Stück war“, sagt Christoph, der am Tisch Nummer 23 mit der Hand im Oberschenkel eines Körpers steckt. Auf Nachfrage erklärt er die bunten Fäden im Inneren der Toten: „Grüne stehen für Lymphen, gelbe sind an den Nerven, die blauen zeigen Venen, die roten Arterien.“ Neben ihm befühlt Kommilitonin Patricia einen Muskel. „Gewöhnungsbedürftig fand ich, richtig zuzupacken“, sagt sie und fügt hinzu: „Man stumpft ziemlich schnell ab, aber nicht negativ, eher professionell.“
Im Kurs gehe es darum, den Bauplan des Körpers kennenzuernen, erklärt Professor Erik Schulte, Direktor des Instituts für funktionelle und klinische Anatomie. Viele erwarteten einen „Hort des Schreckens“ bevor sie zum ersten Mal den Saal unter Dach betreten, „aber nichts ist falscher als das“. Ein Semester lang arbeiten die angehenden Mediziner zweimal wöchentlich je vier Stunden an den Leichen, die zuvor im Keller des Instituts mit Formaldehyd für die lange Haltbarkeit konserviert werden.

