Montag, 13. Februar 2012 07:25 Uhr
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Allgemeine Zeitung

Bingen 

Reißverschluss und Fokker-Spinne

05.01.2010 - BINGEN

Von Christine Tscherner

PIONIERE Binger FH bringt in ihrer mehr als 100-jährigen Geschichte zahlreiche Erfinder-Genies hervor

Mit 113 Jahren ist sie eine der ältesten Fachhochschulen in Deutschland. Am Rheinischen Technikum studierte so manch kluger Kopf. Drei berühmte Absolventen der Anfangsjahre: Der Flugzeug-Pionier Anton Fokker, der Science Fiction-Autor Hugo Gernsback und der Reißverschluss-Erfinder Gideon Sundback.

500 Studierende musste Gründungsvater Hermann Hoepke nach Bingen ködern. Dann, so hatte es der damalige Bürgermeister Franz Neff versprochen, würde Bingen ein Gebäude für den Unterricht sponsern. Mitten in den Rebzeilen des Rochusberges entstand das Rheinische Technikum, heute der Altbau an der Rochusallee.

Die Herren Studenten mit Hut und Weste prägten bald das Stadtbild. Viele schlossen sich einer der zwölf Binger Studenten-Verbindungen an. Für angehende Fahrzeugtechniker und Maschinenbauer aus dem angrenzenden Ausland war die neue Binger Studienstätte hoch attraktiv.

Wohl der berühmteste Bingen-Student war Anthony Fokker (1890 bis 1939). Der in Indonesien auf Java geborene Mann schrieb sich 1910 für einen Automobilbau-Kurs an der Binger Ingenieurschule ein. Bereits als Student ließ er mit dem Geld seines Vaters ein Flugzeug nach eigenen Plänen bauen, die Fokker-Spinne.

Als 22-Jähriger gründete er eine Flugzeugfabrik in Berlin, zog 1913 nach Schwerin um und eröffnete dort eine Flugschule. Üppige Heeresaufträge beendeten die stete Finanznot des Unternehmens. Der Erste Weltkrieg bescherte Fokker und seinen bis zu 6000 Mitarbeitern volle Auftragsbücher. 1915 erhielt der schillernde Jungstar am Unternehmer-Himmel die deutsche Staatsbürgerschaft.

Der Bau von Flugzeugen in Deutschland wurde nach dem Versailler Vertrag verboten. Fokker verlegte seine Fabrik kurzerhand per Eisenbahn innerhalb von sechs Wochen in die Niederlande. Als "fliegender Holländer" erlangte der Auswanderer in den USA Berühmtheit. Er starb mit nur 49 Jahren in New York.

Ebenfalls nach New York führte das bewegte Leben von Hugo Gernsback (1884 bis 1967). Der Binger Elektrotechnik-Student kam aus Luxemburg ans Rhein-Nahe-Eck. Der fleißige Erfinder erwarb 80 Patente, darunter für das erste elektronische Musikinstrument mit Oszillatoren, das "Staccatone".

1905 wanderte er in die USA aus und gründete 1925 einen Rundfunksender. Auch an der Ausstrahlung der ersten Fernsehsendungen soll der Funkwellen-Fan beteiligt gewesen sein.

Bekannt wurde er jedoch mit einem eher technikfernen Genre: als Begründer der modernen Science Fiction-Literatur. Sowohl als Verleger als auch als Autor erlangte er in der damals jungen Szene schnell Berühmtheit.

Ganz lebenspraktischen Dingen widmete sich sein Kommilitone Gideon Sundback (1880 bis 1954).

Der Schwede perfektionierte 1912 die Idee des Reißverschlusses und ließ sie patentieren. Wetterfeste Lotsenanzüge waren der erste Praxis-Einsatz der Erfindung. Die Idee: Zwei Streifen feiner Metallzähne aus Messing oder Aluminium werden durch einen Schieber ineinandergehakt. Zuvor hielt Kleidung mit Knöpfen, Bändern, Schnüren oder Nadeln (Fibeln) zusammen. Seit 1925 ersetzt der Sundback´sche Verschluss bei vielen Textilien die Knöpfe. Mitte der 1950er Jahre setzte der Siegeszug von Zipper, Zähnen und Klemmprinzip ein. Allein in Deutschland werden jährlich rund 70 Millionen Meter Reißverschluss produziert. Für Bekleidung ist er unentbehrlich geworden und hat sogar den legeren Klettverschluss überdauert.

Tausende verfolgen die Enthüllung des Brandenburger Tores durch Willy Bogner, der am Reißverschluss - eine Erfindung Gideon Sundbacks - hängend die Plane aufzieht. Archivfotos: dpa


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