Kein Pardon! Hape Kerkeling wird in Mainz zur Beute von Spiegel-Reporter
02.06.2011 - MAINZ
Von Lena Fölsche
Ein heißer Sommerabend im Foyer des Gebäudes der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, 19.45 Uhr: Sauerstoffmangel und Platzangst. Wie auf einer DSDS-Autogrammstunde schoben sich die Massen von hinten Richtung Saaleingang. Über zwei Stunden standen da viele bereits an. Andere hatten schon längst aufgegeben. Aber hier warteten keine Teenager auf ihre Stars. Hape Kerkeling war zu Besuch, um mit Spiegel-Redakteur Thomas Tuma zu plauschen.
Angefühlt hat es sich aber bestimmt ähnlich: Klaustrophobie und Kreislaufprobleme. Etwa Dreiviertel der Wartenden mussten das Gebäude um 19.50 räumen, die 1.000 Plätze des größten Hörsaals der Universität waren in weniger als einer Minute besetzt. Das ist natürlich schmeichelhaft für einen Komiker, der seit über 25 Jahren im Fernsehgeschäft mitmischt. Gleichzeitig sollten sich die Organisatoren für das nächste kostenlose Großereignis überlegen, vorher Platzkarten zu vergeben, um sich selbst und den enttäuschten Besuchern dieses Chaos zu ersparen.
Nicht alle schafften es in den Saal
Die Dankbarkeit derjenigen, die es in den Saal geschafft hatten, äußerte sich in Beifallsbekundungen und Gelächter für jeden Laut, den Kerkeling ausstieß – sei es ein Horst-Schlämmer-Grunzen oder eine Erinnerung aus seiner Kindheit. Dass der Abend nicht zur Lachnummer wurde, war der Veranstaltungsform geschuldet. Tuma interviewte Kerkeling zunächst zu Unverfänglichem, Stationen seiner Karriere entlang gehangelt am Wikipedia-Eintrag. Recht seichtes Geplänkel zum Warm werden, dachte man. Aber an vertrauliche Wärme war bald nicht mehr zu denken.
Tuma köderte Kerkeling mit dem Thema „Medienkritik“ und dieser biss an. Auch wenn er versuchte, sich zurückzuhalten und betonte, insgesamt hätten die Medien ihn selbst ja gut behandelt, war schnell klar, dass ein Journalist nicht der geeignete Gesprächspartner für Kerkeling ist. Zu viele Kränkungen hatte es gegeben: dreiste Paparazzi, schnepfige Spiegel-Reporterinnen und dann natürlich immer wieder Ärger mit der Bild – wegen Heide Simonis zum Beispiel, die in der von Kerkeling moderierten RTL-Show „Let’s Dance“ auftrat und von Bild beleidigt wurde.
Gespräch ähnelt einem Verhör
Angelangt in diesen gefährlichen Gewässern, wagte Tuma die Frage, die die kühle Gesprächsatmosphäre zu Eis erstarren ließ: „Wissen Sie, was am 10. Dezember 1991 war?“ – „Ja“ – „Wollen Sie es erzählen?“ – „Ungern. Aber Sie tun es ja doch.“ Kerkelings Antwort kam voller Bitterkeit. Trotzdem musste er zu seinem unfreiwilligen Outing vor 20 Jahren Stellung nehmen. Er tat es unter offensichtlicher Überwindung. Man kann verstehen, wenn Kerkeling sagt, er wisse nicht, ob er weiterhin bereit sei, sich dem Medienrummel auszusetzen – auch wenn diese Aussage auf Boulevard-Paparazzi bezogen war. Dass er nach 20 Jahren noch in fast jedem Interview zu seiner Privatsphäre ausgefragt wird und antworten muss, weil es sonst den Eindruck erwecken könnte, er schäme sich seiner Homosexualität, ist ein Armutszeugnis nicht nur für die Journalisten, sondern auch für seine neugierigen Fans.
Ob Kerkeling Tuma so frostig behandelte, weil er inzwischen weiß, womit er von jedem Journalisten früher oder später konfrontiert wird, lässt sich schwer sagen. Vielleicht ist Kerkeling als Privatmann aber eben auch einer, der nicht gern mit der ganzen Welt seine Gedanken teilt. Das Spiegel-„Gespräch“ jedenfalls ähnelte eher einem Verhör, bei dem der Verdächtige auf Strafmilderung hofft, wenn er mitmacht.

