Chancen trotz Handicap
29.11.2011 - SPRENDLINGEN
Von Christine Tscherner
ELISABETHENSCHULE Einrichtung vermittelt Stellen auf erstem Arbeitsmarkt
Arbeitgeber für Absolventen gesucht: Die Elisabethenschule ebnet mit viel Einsatz ihren Schülern den Weg ins Berufsleben. Dafür kooperiert die Förderschule mit dem Mainzer „Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen“ (ZSL). Ziel: ein richtiger Job auf dem ersten Arbeitsmarkt statt Werkstätten für Behinderte.
Sissi, 19, hilft im Gau-Algesheimer Kindergarten. Für den Job hat die junge Frau aus Appenheim Mofa fahren gelernt. Mitschüler Torben packt begeistert in einem Autoverwertungsbetrieb mit an. Ehemalige der Sprendlinger „Schule mit Förderschwerpunkt ganzheitliche Entwicklung“ arbeiten oft als Bürobote oder im Gartenbauamt von Gemeinden.
„Ganz leicht ist die Job-Suche für unsere Schüler nicht“, weiß Schulleiter Claus-Werner Dapper. Der einfache Weg heißt Behinderten-Werkstätte. Taschengeld, Busbring-Service und weiter daheim wohnen. „Für rund 60 Prozent unserer Schulabgänger ist das die Richtung.“
Ziel nach zwölf Schuljahren ist aber ein möglichst selbstständiges Leben und das Rüstzeug für ein Erwachsenen-Dasein ohne ständige Betreuung. Deshalb gibt es seit zwei Jahren die Zusammenarbeit zwischen Sprendlinger Lehrkräften, Eltern und dem Mainzer Integrationszentrum. Passgenaue Hilfen geben leistungsfähigen Schulabgängern trotz Einschränkung Chancen.
90 Schüler aus dem nördlichen Landkreis besuchen die Elisabethenschule. Sie verlangen den 31 Pädagogen viel Geduld und Sensibilität ab. Zum Teil schwerstbehinderte Kinder besuchen das Haus. Häufig geht die geistige Behinderung mit Verhaltensauffälligkeiten, motorischen und sprachlichen Problemen einher.
Hürde im Kopf der Arbeitgeber überwinden
Aufgabe der Elisabethenschule ist die individuelle Förderung der Sechs- bis 18-Jährigen. Und dazu gehört die Vorbereitung auf eine Berufstätigkeit. Konzentriertes Arbeiten, ein Ziel verfolgen, den Plan im Kopf mit den Händen umsetzen - das muss hier in vielen kleinen Schritten aufgebaut werden.
Aber was kommt danach? „Je früher die Richtung klar ist, desto gezielter können wir im Unterricht den einzelnen Schüler unterstützen.“ Lehrerin und Koordinatorin Gerti Ferres-Hassel stimmt sich deshalb eng mit Holger Stangner vom ZSL ab. Er recherchiert mögliche Arbeitgeber und wohnortnahe Praktikantenplätze frühzeitig.
„Meine wichtigste Aufgabe ist die Hürde im Kopf bei Arbeitgebern überwinden“, sagt Stangner. „Viele Chefs haben bei der Einstellung von Behinderten Bauchweh.“ Zusammen mit dem Praktikanten spricht er darum vor, begleitet engmaschig den Berufseinstieg. „Weil die Elisabethenschule sehr bekannt ist, muss ich nicht viel erklären, ein Vorteil.“
Ebenfalls ein Argument für Arbeitgeber: 70 Prozent des Lohns übernimmt die öffentliche Hand. „Alle Seiten gewinnen also“, betont Schulleiter Dapper. Seine Schüler gehen mit einem Nettolohn ausreichend für ein selbstständiges Leben nach Hause. Der Zuschuss aus öffentlichen Kassen beläuft sich maximal auf Höhe eines Werkstättenplatzes. Der Arbeitgeber erhält trotz erhöhten Aufwands meist mehr als 30 Prozent Leistung.

