Im Wald die letzte Ruhe finden
06.09.2010 - WALDALGESHEIM
Von Jochen Werner
EINWEIHUNG Gemeinde Waldalgesheim hat den ersten Ruheforst in Rheinhessen offiziell eröffnet
Es ist der 43. Ruheforst in Deutschland, der fünfte in Rheinland-Pfalz und der erste in Rheinhessen und damit natürlich auch im Kreis Mainz-Bingen: In einem rund 32 Hektar großen Hainbuchen- und Eichenwald der Ortsgemeinde Waldalgesheim sind ab sofort naturnahe und umweltfreundliche Bestattungen möglich. Am Samstag wurde der Ruheforst Rheinhessen-Nahe offiziell eingeweiht.
500 Bäume und „Ruhebiotope“ sind in der Nähe des historischen Kaltwassereichbaums für Bestattungen ausgewiesen und gekennzeichnet. In einem Ruhe-Biotop gibt es maximal zwölf Bestattungsplätze. Pro Hektar kann es höchstens 100 Bäume für die letzte Ruhe geben. Zusätzlich sind kostenlose „Regenbogenstätten“ für Kinder reserviert, die tot geboren wurden oder im ersten Lebensjahr gestorben sind.
„Andere Lebensweisen und Ansichten verlangen auch alternative Bestattungsformen“, sagte Ortsbürgermeister Dr. Gerhard Hanke bei der Eröffnung. Waldalgesheim habe die Möglichkeiten, den Nachfragen aus der Region zu folgen und eine naturnahe Bestattungsform anzubieten, die nicht in Konkurrenz zur herkömmlichen Friedhofsbeisetzung stehe. Dabei wolle man im Kreis gerne Vorreiter sein und den Interessierten den Weg zum nächsten vergleichbaren Ruheforst nach Niederhosenbach (bei Idar-Oberstein) ersparen.
Der Platz der Andacht gleicht einer Kathedrale, links das große Kreuz, rechts die Kanzel, beides wie die aufgestellten Bänke aus Eichenholz gefertigt, daneben ein Stein aus der Gemarkung, der als Altar dient. Der Platz ist sorgfältig ausgewählt, verschiedene Wege führen von diesem zentralen Punkt aus zu den Ruhestätten.
Die Möglichkeit der naturnahen Bestattung interessiert viele Menschen, die sich mit dem Thema intensiver beschäftigt haben. Die Nachfrage sei groß, sagen Hanke und Jost Arnold, Geschäftsführer der RuheForst GmbH, unisono. Vor allem in Städten sei die Feuerbestattung auf dem Vormarsch. Favorisiert werde eine christlich orientierte Bestattung. Deshalb wurde auch hier ein großes Kreuz errichtet.
Die Pfarrer Dr. Wolfgang Schuhmacher und Christoph Hüther gaben der Ruhestätte ihren Segen, sprachen aber auch ein paar kritische Worte über die Form der Urnenbeisetzung und anderer anonymer Bestattungsarten außerhalb des kirchlichen Raumes.
Adam J. Schmitt dankte als Kreisbeigeordneter vor allem dem Mut, den Waldalgesheim bei der Errichtung aufgebracht habe. Dass das Projekt uneingeschränkte Zustimmung auf allen Ebenen, von den Ortsgemeinden bis zur Kreisverwaltung, gefunden habe, bestätigte Franz-Josef Riediger. Der Verbandsbürgermeister lobte den Wald als Alternative, die in hohem Maße dem Wandel in der Bestattungskultur Rechnung trage. Dass die Umsetzung innerhalb eines Jahres geschehen konnte und es auf allen Ebenen keinerlei Einwände gegeben habe, sei außergewöhnlich, meinte Hanke. Die von der Chorgemeinschaft Waldalgesheim/Genheim und dem Orchesterverein „Harmonie“ mitgestaltete offizielle Eröffnung ließen sich mehr als 200 Interessierte nicht entgehen.
Dass im Ruheforst eine umweltfreundliche Waldbewirtschaftung gewährleistet, auf Kahlschlag verzichtet wird und hier die Jagd ruht, versteht sich von selbst. Der Vorteil für die Angehörigen der Bestatteten ist augenscheinlich: Ruhebiotope benötigen keine Pflege. Sie sind Teil des natürlichen Waldes. Und die mit der Asche der Verstorbenen beigesetzten Urnen sind biologisch abbaubar. Die Ruhezeit ist auf 15 Jahre festgesetzt, kann aber auf bis zu 99 Jahre erworben werden. Die Auswahl erfolgt gemeinsam mit einem Förster der Gemeinde, mit der auch ein Nutzungsvertrag geschlossen wird.

