Bahnlärm gemeinsam bekämpfen
12.07.2010 - MITTELRHEIN
AUFKLÄRUNG Internationale Initiativen organisieren Kongress im November / Wissenschaftler und Politiker geladen
(red). „Wenn es um unerträglichen Verkehrslärm geht, ist die Deutsche Bahn einer der größten Umweltsünder“, stellt das Bürgernetzwerk Pro Rheintal in seiner jüngsten Pressemitteilung fest. Damit soll bald Schluss sein, denn die großen Bürgerinitiativen, zu denen auch Netzwerke in der Schweiz und in Italien/Südtirol gehören, wollen mit einem Internationalen Bahnlärmkongress am 13. und 14. November in Boppard, verbunden mit Informations- und Aufklärungskampagnen, dafür sorgen, dass sich Bahn und Politik nicht mehr länger hinter den eigenen Versäumnissen verstecken können.
Ungebremst bei Tag und Nacht
Kein anderes Verkehrsmittel sei lauter, habe steilere Schall-Anstiegskurven, verursache größere Erschütterungen und dürfe ungebremst bei Tag und Nacht zwischen den Häuserzeilen innerhalb der Ortschaften durchfahren, so die Aussage von Pro Rheintal. Täglich entstehen neue Bürgerinitiativen im Land, um sich gegen den Bahnlärm zur Wehr zu setzen. Jetzt haben die ganz großen Bürgerinitiativen am Ober- und Hochrhein, am Mittelrhein sowie am Niederrhein und in Nordrhein-Westfalen die Notwendigkeit erkannt, gemeinsame Sache zu machen, um die erforderlichen Mittel und die nötige Durchschlagskraft im Kampf gegen den Lärm aufzubringen.
„Die Bahn ist ein Lärmmonster, die ihren guten Ruf in Sachen Umwelt immer mehr zu verspielen droht, weil man sich die Kosten für Lärmschutz am liebsten sparen möchte“, sagt Frank Gross vom Bürgernetzwerk Pro Rheintal. Die Lärmwerte, denen die Menschen an Bahnstrecken immer noch ausgesetzt sind, lägen in der gefühlten Lautstärke um das Vier- bis Fünffache über dem, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorschlage. „Schlimmer noch, die Bahn, die im Güterverkehr seit 50 Jahren kein einziges Dezibel leiser wurde, nimmt noch einen Schienenbonus für sich in Anspruch und will als besonders lärmverträglich und ökologisch gelten“, schimpft Frank Gross. „Dabei werden die Waggons immer noch wie die alten Postkutschen im vorletzten Jahrhundert auf den Laufflächen der Räder gebremst.“
Bahnvorstände zur Verantwortung ziehen
Sibylla Windelberg, die Vorsitzende der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm (BVS), weist darauf hin, dass statt der versprochenen Lärmreduzierungen im Rahmen des sogenannten Lärmschutzprogramms der Bundesregierung, durch Verkehrszunahmen und Überalterung der Fahrzeuge der Lärm nie abgenommen, sondern immer nur zugenommen habe. „Wir sehen hier Grundrechte verletzt und werden die Politiker und Bahnvorstände dafür zur Verantwortung ziehen“, erklärt Pro-Rheintal-Sprecher Frank Gross. Dr. Roland Diehl und Johannes Baumgärtner von der Interessengemeinschaft Bahnprotest an Ober- und Hochrhein (IG BOHR) pflichten dem bei. „Seit Ende der 90er-Jahre sind die unhaltbaren Zustände entlang der Bahntrassen im Parlament bekannt - nicht zuletzt auch durch den Sachverständigenrat -, ohne dass daraus bis heute Konsequenzen gezogen und wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen wurden“, erklärt Roland Diehl. „Hier am Oberrhein tobt inzwischen der Lärmaufstand. Deshalb sind jetzt deutliche Signale der Politik gefordert“, macht Johannes Baumgärtner deutlich.
Teil des neuen Bündnisses sind auch die Initiativen am Niederrhein, wie Lions Emmerich, Betuwe - So nicht! und die IG BISS. Am Unteren und Oberen Mittelrhein sind neben der Bürgerinitiative gegen Umweltschäden durch die Bahn auch die IG gegen Bahnlärm in Leutesdorf sowie in Leonberg die AGVL aktiv.
Führende Wissenschaftler werden erwartet
Parteiübergreifend will man Kommunen und Kreise, Länder und Regionen auffordern, sich dem Kampf gegen Lärm anzuschließen. Ziel ist es, mehr als eine Million Menschen hinter sich zu scharen, um dafür zu sorgen, dass Politik wieder fürs Volk und nicht für Lobbyisten gemacht wird. Die Bürgerinitiativen haben führende Wissenschaftler zum Bahnlärm-Kongress am 13. und 14. November nach Boppard eingeladen. Mitmachen sollen auch Politiker aller Ebenen, um der Einseitigkeit des Informationsflusses in Sachen Bahn zu entrinnen und sich anhand anschaulicher Vorträge und Diskussionsrunden selbst eine Meinung zu bilden.

