Von Conny Haas
FAMILIE IM UNGLÜCK Haus nach Straßenarbeiten in Ockenheim total zerstört, doch verantwortlich fühlt sich niemand
Anja Schäfer aus Ockenheim sitzt gemütlich im Wohnzimmer. Plötzlich schießt Schlamm aus der Steckdose, Risse ziehen sich in die Decke, Wände verschieben sich. "Mit einem Mal fing alles an zu vibrieren, wie bei einem Erdbeben. Ich hörte ein Knistern und seltsame Geräusche. Es war so laut, dass ich Angst hatte, mir fällt die Decke auf den Kopf." Anja Schäfer (36) zittert noch immer, wenn sie von dem, was sie am Freitag den 13. (März) erlebt hat, berichtet.
Bröckelnder Putz
Grund des Ganzen: Die Firma H&E Bohrtechnik (Reichenbach) führt als Subunternehmer der Firma KTS (Zeulenroda) im Auftrag der Telekom Straßenbauarbeiten durch. Während einer Spülbohrung bröckelt am Haus Schäfer der Putz. Das Ehepaar verlässt fluchtartig das Gebäude, soweit das mit der gehbehinderten Anja (sie hat Multiple Sklerose) möglich ist. Ehemann Stefan informiert die Kreisverwaltung, die endlich einen Baustopp bewirkt.
Seitdem ist viel Zeit vergangen. Das beschädigte Haus ist geblieben. Ob die Familie den Schaden ersetzt bekommt, ist fraglich. Die beteiligten Firmen schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu.
Recht einfordern
Deshalb hat die Familie einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der ein selbständiges Beweisverfahren eingeleitet hat. Bisherige Kosten: 8500 Euro. Insgesamt vom Rechtsanwalt geschätzte Vorleistungskosten: 20000 Euro.
"Wann die Schäfers dieses Geld erstattet bekommen und wann ihr Schaden ersetzt wird, ist noch nicht abzusehen. Dabei haben sie doch nur im Haus gesessen, als das Unglück losging...", sagt Rechtsanwalt Marco Steinmetz von der Kanzlei Stritter & Partner aus Ingelheim. Ihm ist die Betroffenheit deutlich anzumerken.
Anders die Baufirmen und die Telekom: Bisher hat niemand sein Bedauern ausgedrückt oder sich gar entschuldigt.
Jede Menge Schlamm
Bereits einen Tag vor der Katastrophe hatte die Familie Schlamm bemerkt, der aus den Steckdosen quoll. "Als wir die Arbeiter darauf angesprochen haben, versicherten uns diese, so etwas könne passieren, das ganze verfestige sich aber", erzählt Anja Schäfer.
Mit Unterstützung der Kreisverwaltung und VG-Bürgermeister Dieter Linck wurde ein Schadensregulierer der Allianz (Versicherungsgesellschaft der Firma H&E) und das Ingenieurbüro für Geotechnik Frech H.P. & J. Hönle hinzugezogen. H.P. Frech verspricht vor Ort, der Kreisverwaltung und dem Ehepaar Schäfer eine Kopie des von ihm erstellten Gutachtens zukommen zu lassen. Doch das kommt weder in der Kreisverwaltung, noch bei den Schäfers an. Der Auftraggeber, die Allianz, hatte es dem Ingenieurbüro untersagt.
Seitdem schieben sich KTS, H&E und die Telekom als Auftraggeber der Bohrarbeiten gegenseitig den Schwarzen Peter zu. "Wir bedauern, was der Familie Schäfer passiert ist, aber die Telekom hat nachweislich alles getan, was zu tun war", so die einzige Askunft von Pressesprecher George Mc Kinney.
Durchblick fehlt
"Alles weitere erfahren Sie von unserem Versicherungsunternehmen Axa", wehrt er alle weiteren Anfragen ab. Axa scheint den Durchblick aufgrund zahlreicher Medienanfragen allerdings verloren zu haben. In einer Stellungnahme teilen Sie fälschlicher Weise mit, die Familie Schäfer sei nicht Eigentümer, sondern nur Mieter des Hauses und man warte noch auf ein Schreiben über Schadensansprüche der Familie Berg als Hausbesitzer. Die Familie Berg wohnt aber auf dem Nachbargrundstück der Schäfers. Auch ihr Haus hat Schäden abbekommen, aber in wesentlich geringerem Umfang.
Urteil abwarten
Und was sagen H&E und die Allianz als Vertreter der bauausführenden Firma? Claudia Herrmann: "Wir erteilen derzeit keine Auskunft, weil wir die Entscheidung des Gerichts abwarten wollen." Ob die Telekom und die Axa oder H&E und die Allianz der richtige Ansprechpartner sind, wenn es um Schadensregulierung geht, steht derzeit nicht fest. "KTS, H&E und Telekom schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Wir müssen zunächst beweisen, dass der Schaden aufgrund der Baumaßnahmen entstanden ist, alles weitere ergibt sich", erklärt Rechtsanwalt Steinmetz. Die Chancen hierfür stehen nicht schlecht, wenn man Gutachter H.P. Frech aus Worms Glauben schenkt: "Nachdem ich mein Gutachten nicht weitergeben durfte, habe ich der Familie Schäfer geraten, ein eigenes Gutachten erstellen zu lassen." Aus seiner Sicht sei die Sache eindeutig.
Doch das Beweisverfahren kann sich hinziehen. Rechtsanwalt Steinmetz liegt zwar ein Gerichtsbeschluss vom 3. Juni über die Beauftragung des Sachverständigen Probst vor, doch im Mainzer Sachverständigenbüro sind die Unterlagen bisher nicht eingetroffen. Dabei hat Anja Schäfer die anfallenden Kosten von 3000 Euro bereits am 18. Juni überwiesen.
Die gebeutelte Familie muss weiter in der stark geschädigten Wohnung mit der Angst leben, das Dach könnte zusammenbrechen. "Eine Renovierung ist nicht möglich, weil dann Beweismittel vernichtet werden könnten. Der Sachverständige muss den aktuellen Zustand erfassen", sagt Steinmetz.
Die Familie Schäger kann jetzt nur noch warten und hoffen, dass die Risse in den Wänden nicht schlimmer werden und es kein großes Unwetter gibt, denn im Zimmer von Sohn Jens ist das Dach undicht geworden und es regnet rein.

