Von Lena Fleischer
AUSLEIHE Neues System beschert einigen Binger Schulen Organisationsaufwand / Schüler packen in Ferien mit an
Freude für die Eltern, Ärgernis für die Schulen? Kommendes Schuljahr startet die Schulbuchausleihe in Rheinland-Pfalz. In Anspruch nehmen können das neue System Schülerinnen und Schüler der Klassen fünf bis zehn an allgemeinbildenden Schulen.Die Neuerung, die eine Ersparnis für die Eltern bedeutet, hat die Landesregierung im Dezember 2009 beschlossen. Die AZ hat sich an Binger Schulen umgehört, wie das neue System ankommt.
Als „riesigen Organisationsaufwand“ beschreibt Reiner Oschewsky, Leiter des Stefan-George-Gymnasiums, die Aufgabe, Schulbuchlisten zu erstellen, Bestellungen zu managen und Bücher an alle Schüler zu verteilen. „Das ist Sache des Schulträgers, muss aber hier vor Ort geleistet werden“, sagt er, wenngleich die Schulbuchausleihe für die Eltern eine gute Sache sei.
Wer die Ausleihe in Anspruch nehmen will, musste sich bereits online dafür anmelden, und das Portal ist nun geschlossen. „Die Online-Anmeldung war einfach“, findet Studiendirektor Eberhard Grammes, der an der Hildegardisschule die Ausleihe koordiniert Trotzdem habe sich an der Mädchenschule die Mehrzahl der Eltern für Eigentum statt Miete entschieden. Mal was an den Textrand schreiben, mit Buntstiften markieren, wichtige Seiten mit Eselsohren versehen - das ist bei einem Buch, das geliehen ist, natürlich passé. Schließlich soll es im nächsten Schuljahr einem anderen Schüler dienen.
Damit jeder SGG-Schüler sein Bücherpaket bekommt, versieht die Sekretätin die Bücher mit einem Barcode und scannt sie ein, schnüren Lehrer Pakete und überprüfen Listen. Einen dicken Aktenordner voller Instruktionen und Hinweise zur Schulbuchausleihe habe er schon, sagt Oschewsky, und findet den Zeitdruck kurz vor Schuljahresende, den das neue System beschert, „unerträglich“.
Rund 40 seiner Schüler indes haben einen Ferienjob: Sie werden als Hilfskraft des Kreises mit beim Sortieren zur Hand gehen, damit im neuen Schuljahr keiner ohne Bücher beginnen muss - und jeder Schüler das richtige Paket bekommt. Auch an der Rochusrealschule plus stehen Schüler Gewehr bei Fuß, um sich in den Ferien auf ebendiese Weise ein paar Euro zu verdienen. Damit alles klappt, verzichtet Sekretärin Caroline Hüttner auf Urlaub, sagt Schulleiter Bernd Karst. Mit rund 60 Prozent verzeichnet er eine hohe Beteiligung am Leih-System und sagt, die Buch-Bestellung sei gut über die Bühne gegangen. „Wir warten nun auf die Lieferung, aber die Eltern können zuversichtlich sein, dass am ersten Schultag jedes Kind seine Bücher bekommt.“
Dafür sorgt unter anderem Gunnar Döll, Geschäftsführer der Buchhandlung Schweikhard, der rund 8 000 Bücher an Schulen liefert oder selbst ausgibt. Bücher weitergeben statt neu kaufen - für ihn ist das neue System „ein Schlag ins Gesicht“, allerdings sagt er:„Wir hoffen, dass die Kunden trotzdem weiter zu uns kommen.“
Die Stadt als Schulträger kümmert sich für Schulleiter Jürgen Weichel von der Realschule plus am Scharlachberg um die Organisation und Abwicklung der Ausleihe. Darum ist er entspannt: „Wir haben die Eltern über die Bedingungen informiert und sie holen sich dann die Bücherpakete im Buchhandel ab“, erklärt Weichel. „Das hat hier richtig gut funktioniert.“
Auch Grammes wartet an der Higa darauf, dass das Bischöfliche Ordinariat die Ausleihe durchführt. Nach dem Erstellen der Buchlisten in der Schule ist nun der Träger am Zug. Doch weil sich an der Higa nur gut ein Drittel der Schüler für die Ausleihe gemeldet hat, ist Grammes überzeugt: „Die Schulbuchbasare sind für viele Eltern die attraktivere Alternative.“ Seiner Meinung nach haben sich weniger Schüler am Leih-System beteiligt als erwartet.
Ob das neue System künftig auch auf die Oberstufe übertragen wird, bleibt nach Meinung der Binger Lehrer zu überdenken. Denn: Für die Oberstufe gibt es bisher keine Buchlisten, jeder Lehrer kann selbst entscheiden, was er verwendet. Darum fürchtet beispielsweise Grammes: „Das Chaos ist jetzt schon vorhersehbar.“

