Montag, 13. Februar 2012 03:27 Uhr
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Allgemeine Zeitung

Bingen 

Wo die Häuser in den Himmel wachsen

22.05.2010 - BINGEN

UMWELTSTUDIEN Selin Erisken, Studentin der FH Bingen, absolviert im arabischen Dubai ein Praxissemester



Als der dritte Taxifahrer fragte, ob sie nicht seinen Sohn heiraten will, war Selin Erisken genervt. Die Umweltschutz-Studentin der Fachhochschule hat Binger Seminarräume gegen ein Büro in Dubai getauscht und ist gerade von ihrem Praxissemester zurückgekehrt. Zwei Monate lang hat sie in dem Arabischen Emirat gelernt und gelebt.

Als der Binger Professor Dr. Gerhard Roller sie fragte, ob sie sich ein Praktikum in Dubai vorstellen kann, hat die gebürtige Darmstädterin gleich zugesagt. Dubai, die Stadt der Rekorde, kannte sie aus dem Fernsehen - und fand nicht alles positiv, was sie sah, was da glitzerte und aus dem Boden gestampft wurde. „Grenzenloses Bauen, da würde ein deutscher Ingenieur wahrscheinlich in Ohnmacht fallen, aber in Dubai wird Unmögliches möglich gemacht”, sagt die 22-Jährige. Dass es in vielen Fernsehbeiträgen nur Schwarz oder Weiß gibt, dass nicht gezeigt wird, wie bunt das Leben in Dubai ist, stört die junge Frau. „Es ist die Rede von der größten Shopping-Mall, dem höchsten Gebäude der Welt - oder von massiven Umweltproblemen”, findet sie.

All das hat sie neugierig gemacht, sie wollte gern mehr über die Stadt wissen, die nur sechs Flugstunden von Frankfurt entfernt liegt. Also nutzt sie die Chance, die sich ihr als wissenschaftlicher Hilfsassistentin bietet. Denn beim Institut für Umweltstudien und angewandte Forschung der FH arbeitete sie mit an einem Umweltinvestitionsradar und beschäftigte sich daher hauptsächlich mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Bei diesem Projekt erstellen Forscher eine Homepage, auf der kleine und mittlere Unternehmen, die in besagten Ländern Fuß fassen und in erneuerbare Energien investieren wollen, sich informieren können: Sie finden online eine Sammlung von Datenblättern zu rechtlichen und institutionellen Bedingungen einer auswärtigen Existenzgründung. Ansprechpartner und Behörden werden ebenso zusammengetragen wie Infos zu kulturellen Unterschieden, die die Sonderforschungsgruppe Institutionenanalyse aus Darmstadt liefert.

Vorausgegangen war diesem Projekt eine Forschungsreise von Binger Umweltexperten um Roller, die auf der Suche nach ausländischen Kooperationspartnern in den VAE waren. Offene Türen lief der Binger Professor bei Dr. Mohamed Raouf ein. Schnell kam es zum Gegenbesuch in Bingen, bei dem die Studentin Selin Erisken ihr Praktikum im Golfstaat fix machte.

Als Erste stieg sie ins Flugzeug, um gut acht Wochen am Gulf Research Center in Dubai mitzuarbeiten. Umweltrecht, Umweltpolitik und Marktchancen für deutsche Unternehmen auf dem Sektor Abwasser, Abfall und Energie nahm die Studentin, die in Bingerbrück lebt, unter die Lupe. Auch ein Artikel über den Klimawandel in den Ländern des Mittleren Ostens und denen in Nord-Afrika stand auf ihrer To-Do-Liste.

An die Hand wurde sie dabei in Dubai nicht genommen, Eigeninitiative war gefragt. Selin Erisken hat ihre Lektion in Sachen selbstständigen Arbeitens in dem Emirat gelernt: „Als ich dem Professor meinen Aufsatz vorlegte, sagte er einfach: „I don’t like it” und ging.” Sie musste sich durchbeißen, nachhaken, nerven, um an Infos zu kommen, die ihre Arbeit voranbrachten. „Für mich ist es normal, pünktlich und korrekt zu sein”, erzählt die Studentin, „aber in Dubai eben nicht.”

Dass die Stadt ein Konglomerat aus unzähligen Nationen ist, hat ihr gefallen. Multikulturell waren die Arbeitskollegen und die Freunde, mit denen sie abends wegging. Die Preise des Emirats seien allerdings mit Binger Studenten-Verhältnissen nicht zu vergleichen: „Ein Cocktail kostet schon mal 20 Euro und der Eintritt in eine Disko vielleicht 40 Euro”, erzählt sie, dass der Trip nach Dubai ein teurer Spaß war. Auch deshalb, weil sie in einem mittelklassigen Hotel gewohnt habe - die Hälfte eines Bettes in einer WG mieten, das wollte sie nicht.

Selin Erisken hat die großen Villen und gläsernen Wolkenkratzer bestaunt, ist auf der als Palme gestalteten Insel gewesen - und wurde enttäuscht: „Die Palme ist vor Ort gar nicht als solche zu erkennen”, sagt sie. Gern hat sie sich treiben lassen in den Gässchen der Altstadt, ist zwischen Gewürz- und Goldmarkt umher geschlendert. Wie es als Frau in einem arabischen Staat sein würde, hat sie sich gefragt. „Die Frauen dort sind ganz normal”, hat sie erfahren. „Sie kichern und schminken sich im Frauenklo, tragen Schleier und Gewand und sind in Highheels unterwegs.” Die Binger Studentin glaubt: „Viele sind stolz, Emiratees zu sein.” Gar nicht unglücklich sähen die Frauen dabei aus. „Und ich habe auch keine gesehen, die hinter ihren Männern herlaufen”, räumt Selin Erisken mit Klischees auf.

Was sie mitgebracht hat, sind Chilis („ich bin verrückt nach Chilis und koche gerne damit”) und Appetit auf Kichererbsenbrei, den es in Dubai häufig als Beilage gab.

Und natürlich ihre Forschungsergebnisse. Demnächst beginnt Selin Erisken, die im achten Semester und somit bald am Studienende ist, übrigens mit der Arbeit über Ägypten, was ebenfalls bald auf der Homepage des FH-Projekts zu finden sein soll.

Ob auch eine Recherche vor Ort drin ist? Das hält die junge Frau nicht für ausgeschlossen. Dubai hat das Reisefieber der jungen Forscherin entfacht.

Architektur aus 1001 Nacht:  das Luxushotel Burj Al Arab in Dubai.	Foto: Lena Fleischer

Architektur aus 1001 Nacht: das Luxushotel Burj Al Arab in Dubai. Foto: Lena Fleischer

PROJEKT

Selin Eriskens Ergebnisse und weitere Infos zum Marktzugang deutscher Unternehmen zu Umwelt- und Klimaschutzprojekten in Schwellen- und Entwicklungsländern sind zu finden im Internet unter www.clima-pro.de/Umweltinvestitionsradar,

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