Von Lena Fleischer
BILDUNG Gesine Schwan spricht im Stefan-George-Gymnasium über Probleme und Visionen
Wie wichtig ist der Abi-Schnitt wirklich? Was wird eigentlich mit denen, die nicht zu den Besten gehören? Und warum gibt es in der Schule keine Noten für Einfühlungsvermögen?
Gesine Schwan war gestern im Stefan-George-Gymnasium zu Gast und dachte über Bildung nach. Sie kritisierte die Hierarchisierung im Schulsystem, in dem die Schüler bei jeder Klassenarbeit, jedem Test und jedem Zeugnis als Erst-, Zweit- oder Drittbeste abschneiden. Das macht sie zu Dauerkonkurrenten, glaubt Schwan - weswegen eine notwendige Solidarität untereinander verloren gehe. "Ich bin für Leistung", sagte sie, "aber wir müssen wissen, für welche. Denn sie muss vernünftig, klug und bedacht definiert werden."
Jeder Mensch habe nun mal unterschiedliche Gaben und Neigungen. Durch das gängige Notensystem jedoch werde die Vielfalt der Talente reduziert auf Dimensionen, die in der nächsten Arbeit oder Hausaufgabenüberprüfung abgefragt werden - alle anderen fielen unter den Tisch. "Allein ist nicht genug", betonte Schwan, die vor zwei Jahren ein Buch mit dem gleichnamigen Titel herausgegeben hat. "Wer sich nur darüber definiert, dass er besser ist als die anderen, hat einen Knacks", rief Schwan den Schülern zu und ermutigte sie, aus sich das Bestmöglichste zu machen und zugleich auf andere zuzugehen, anstatt sie wegen vermeintlich schlechterer Leistung fertig zu machen. Nur wer das tut, steht selbst gut da, war die Überzeugung der Politikerin.
"Wir leben in einer Welt, in der alle voneinander abhängig sind, das hat die Weltwirtschaftskrise doch gezeigt", verwies sie auf globale Zusammenhänge. Die Gesellschaft könne nur erfolgreich sein, wenn alle miteinander denken, arbeiten und fühlen.
Schwan fand die Abhängigkeit der Schulleistung eines Kindes von der sozialen Herkunft der Eltern "unerträglich hoch". Wird der Wettbewerb absolut gesetzt, würden sowohl die Individuen als auch die Gesellschaft als Ganze um den Reichtum gebracht, der aus der Vielfalt der Talente erwachsen könnte - wenn sich Bildung auf die Förderung individueller Potenziale konzentrierte.
Die Frau, die im Mai Bundespräsidentin werden wollte, stellte sich auch den Fragen der Oberstufen-Schüler des SGG. Ein Schüler warf ein, es gebe beispielsweise Schüler- und Dorfgemeinschaften. "Was ist aber mit den Politikern und Managern, wie können wir die einbeziehen, damit sie nicht so allein sind?" Schwan erwiderte, sie erlebe viel Konkurrenz und Alleinsein in der Gesellschaft und glaube nicht daran, dass überall Solidarität herrsche, auch nicht in den Dörfern. Sie verdeutlichte, dass Politik nicht nur im Stadtrat, in der Landes- oder Bundesregierung stattfinde, sondern überall dort, wo Probleme behandelt würden.
Entscheidungen nicht einfach hinzunehmen, sondern nach einer Begründung zu fragen, dazu forderte Schwan die Schüler auf.
Zugleich erläuterte sie ihr Bild vom Lehrer der Zukunft: Er sollte nicht Wissensstände vorbeten, sondern den Schülern ein Mentor sein und helfen, ihren eigenen Weg zu finden. "Wir müssen wuchern mit den Talenten, die uns anvertraut sind, und ich wette, dass man sich damit wohler fühlt", sagte Schwan.
Wie das in der Praxis aussehen kann, damit wird sich das SGG noch beschäftigen. Munition hat Schwan geliefert, nun gilt es Wege zu finden, die Schule menschlicher machen und Leistung neu zu definieren.

