Von Lena Fleischer
WALLFAHRT Pilger aus Bingerbrück nähern sich der Volksheiligen auf 98 Kilometern an
Das Leben ist eine ewige Wanderschaft, und jeder Mensch ist unterwegs: Von A nach B, zu anderen Menschen, zu sich selbst. Elf Pilger haben sich kürzlich auf den Weg gemacht, der Volksheiligen Hildegard näher zu kommen und sind auf deren Spuren 98 Kilometer quer durch Rheinhessen gelaufen.
Start und Ziel ihrer Reise war Bingerbrück, wo Kaplan Volker Schneider ihnen den Pilgersegen erteilte, bevor es mit Rucksack auf dem Rücken und Jakobsmuschel und Holzkreuz um den Hals los ging. Über Wiesen und Wälder, über Berge und durch Täler führte die Pilger ihr Weg von Bingen über Bermersheim und Uffhofen, nach Fürfeld, zum Disibodenberg, nach Sponheim, Spabrücken und durch den vorderen Hunsrück wieder retour zum Rupertsberg.
"Wir sind 100 Kilometer gelaufen" - das kann Werner Braun leicht sagen, denn er hat gut lachen: Per Auto begleitet er die Gruppe. Er hat Holztafeln dabei, die Hildegard und Rupertus zeigen und normalerweise in einem Seitenaltar der katholischen Kirche in Bingerbrück ihren Platz finden. Bei Laudes, Vesper oder Andacht in einer der Kirchen, die die Pilger passieren, werden die Tafeln aufgestellt, schenken neue Kraft. Außerdem sorgt Braun noch für Verpflegung zwischendurch und reicht den Bingern immer wieder Wasser. An vereinbarten Treffpunkten hält er schon, wenn die Gruppe zu Fuß um die Ecke biegt.
"Morgens um 6 Uhr hole ich Brötchen, kenne jeden Bäcker auf der Strecke", erklärt er. Aber er hat auch festgestellt: "Die Versorgung wird immer komplizierter, weil es in vielen Orten gar keinen Tante-Emma-Laden mehr gibt."
Aber Braun ist nicht nur Fahrer und Organisator, er hat auch Teil an der Wallfahrt, kehrt abends nicht um ins heimische, weiche Bett, sondern bleibt bei den Pilgern, die im Schlafsack auf dem Fußboden übernachten.
Diesmal waren auch vier Frauen darunter, obwohl die Gruppe einst eine reine Männerrunde war. Die Idee zur Hildegard-Wallfahrt hatte Alfons Krupp, der sich vor 13 Jahren zum ersten Mal auf den Weg machte und schnell Freunde fand, die wandern und nachdenken, beten und lachen wollten. In diesem Jahr hat Carl Woog aus Bingerbrück die Leitung der Wallfahrt übernommen, womit zugleich ein Generationenwechsel eingeläutet wäre: Die Pilger sind nun zwischen 45 und 77 Jahren alt.
Zum ersten Mal unter ihnen war Sabine Seith aus Dietersheim, die sowieso gerne draußen unterwegs ist. Also hat sie ihre Wanderschuhe geschnürt, den Rucksack gepackt und sich auf gemacht. "Das Erholungsgefühl ist sagenhaft", schwärmt sie bei der Ankunft zurück in Bingerbrück, "ich hatte nach zwei Tagen das Gefühl, schon viel länger weg zu sein." Sich zu bewegen, an der frischen Luft zu sein, Abstand vom Alltag zu gewinnen und die Sinne neu zu schärfen für die Schönheit der Natur und die Begegnung mit Gott - all das hat bei der Gruppe dafür gesorgt, dass die Pilger entspannt am Ziel ankommen.
Sabine Seith beschreibt das so: "Ich bin erfüllt von Eindrücken, Düften, Farben. Ich komme anders zurück als ich los gegangen bin."

