AUSTAUSCH Schüler des SGG lernen in China den Alltag Gleichaltriger kennen
(cts). "Shanghai ist eben nicht Seibersbach." Lehrerin Bettina Hessing-Krauß war nach eigenem Bekunden "heilfroh", als ihre Schülergruppe wieder am Frankfurter Flughafen gelandet war. Denn die Verantwortung für Jugendliche in chinesischen Millionen-Metropolen lastete auf den Schultern weniger Erwachsener. "Nicht kommunizieren zu können, kein Schild lesen zu können, das war die größte Hürde."
Zwei Wochen lang erhielten zwölf Binger und 17 Ingelheimer Schüler Einblick in chinesisches Alltagsleben (wir berichteten). Nachdenklich und voll neuer Einsichten kehrte die Gruppe zurück. Die AZ sprach mit Gymnasiasten und Schulleitung des SGG.
"Lernen steht dort so weit oben im Leben, da werden Jugendliche zu reinen Lernmaschinen." Alexander Degner, 15, berichtet vom Alltag seines Gastschülers. "Von 6.30 Uhr bis 17 oder 20 Uhr Unterricht und anschließend Hausaufgaben" - so hat Katharina Majer Schülerleben in China erfahren. "Wir werden hier in der Schule zum Reflektieren angehalten", vergleicht Ricarda Rothe. An der Highschool in Hangzhou beherrsche Frontalunterricht in Klassen von 50 Schülern das Bild. Beamer und Powerpoint sind selbstverständlich. Bach-Fugen statt Pausengong läuten täglich Leibesübungen ein. "Wer die Bewegungen des Vorturners nicht richtig mitmacht, wird von Aufpassern notiert." Die SGG-Delegation beschreibt Kasernenhof-Atmosphäre. Der Radetzky-Marsch beendet die Szene. Nach Schulschluss steht Augen-Gymnastik für alle auf dem Plan. Flurkameras überwachen. Das dichte Schulprogramm lässt keinen Raum für selbst gewählte Freizeit.
Bei allem Kopfschütteln über Drill und Druck setzt der Vergleich auch Gedanken über Disziplin und Anstrengungsbereitschaft deutscher Schüler frei. E-Mails nach Deutschland kamen mit vier Stunden Verzögerung oder ohne Inhalt an. Der Schock über Wohnverhältnisse, vergitterte Fenster oder schmutzige Wohnblocks sei trotz Vorwarnung riesig gewesen. Dass Badezimmer in anderen Kulturen deutlich spartanischer ausfallen, das ist den Schülern inzwischen klar.
Als stärksten Eindruck betonen die Binger die enorme Gastfreundschaft und große Herzlichkeit in den Familien. "Sie haben wirklich alles getan, damit wir uns wohl fühlen", erinnern sich Joy Sievers und ihre Mitschüler unisono. Ob die deutsch-chinesische Partnerschaft ins Schulprofil des Stefan George-Gymnasiums passt, das soll die Gesamtkonferenz entscheiden. Deutsch-chinesische Kontakte seien bislang eher wirtschaftlich geprägt. Das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 20 Jahren hat sich tief ins Weltbewusstsein eingebrannt.
Schulleiter Oschewsky unterstreicht deshalb: "Nur über menschliche Begegnungen können Vorurteile überwunden werden." Der Kontakt auf Augenhöhe von Jugendlichen ermögliche interkulturelles Kennenlernen. Nachfolgenden Schülergenerationen solle zumindest nach Meinung der Delegation ebenfalls die China-Chance offen stehen.

