Von Christine Tscherner
Schüler reisen am Montag nach China. Der zweiwöchige Besuch in Hangzhou bei Shanghai soll der Startschuss für eine neue Schulpartnerschaft des Stefan-George-Gymnasiums werden. Die AZ sprach mit Binger Schülern über Verhaltenskodex, Drill und Mail-Kontakte.
Kurze Röcke sind tabu, keine Küsschen-Begrüßung und bitte Aufstehen, wenn der Lehrer eine Antwort erwartet. Ein paar Umgangsregeln gibt ihr Chinesisch-Lehrer den zwölf Gymnasiasten mit auf den Weg. Auch Vokabeln aus neun Monaten Sprachunterricht haben die Gymnasiasten ihm Gepäck.
Sehr beruhigend: Sie kennen ihre Gastgeber bereits vom Auftaktbesuch im Herbst. Der Rest wird Neuland. Anders wohnen, anders essen und leben, anders lernen. Die Unterschiede scheinen größer als zu europäischen Altersgenossen. „Mein Schüler hatte seitenweise eng beschriebene Aufgaben dabei, die er spät a bends bearbeitet hat“, erinnert sich Zehntklässler Christoph Krenzel. Joy Sievers, Ricarda Rothe und Katharina Majer nicken. Das Staunen der Gäste über viel Platz im Haus bereitet die Binger auf eher enges Wohnen in der Zwei-Millionen-Stadt vor.
Durfte nur die Elite der Emsigen und hoch Disziplinierten nach Deutschland? Schwer einzuschätzen. Der E-Mail-Kontakt brachte nicht auf alle Stellen Licht. „Online dürfen sie nur mit Erwachsenen gehen,“ wissen Joy und Ricarda. Verliebtheitsgefühle sind streng vor Eltern und Lehrern zu verbergen. Englisch blieb vorerst die Kontaktsprache.
Auf dem strammen Besuchsprogramm ab 17. Mai stehen Sportwettbewerbe, gemeinsamer Unterricht, hochoffizielle Treffen und eine touristische Tour von der großen Mauer bis zur Verbotenen Stadt in Peking. Gastgeschenke hat Schulleiter Oschewsky bereits gepackt. Bildbände, Wein, Wimpel und Fahnen geben ihnen Landrat und Oberbürgermeisterin auf den weiten Weg.
„Die chinesische Seite gibt ziemlich Gas“, kom mentiert Lehrerin Bettina Hessing-Krauß Planpunkte wie Interview-Termin mit Journalisten, umfangreiche Rednerlisten und festliches Lehrer-Bankett. Die Hangzhou-Highschool will so schnell wie möglich eine Schulpartnerschaft mit dem SGG besiegeln. Deutsch als Fremdsprache führen die chinesischen Partner darum ab Sommer ein; ein mehrwöchiger Austausch von Lehrern ist erwünscht.
Muss zum Knüpfen von Auslandskontakten ausgerechnet eine zehn Flugstunden entfernte Region her? Wäre ein England-Angebot für alle nicht besser als Schüler-Bande für wenige? Der Kritik stellt sich die Schulleitung. „Mit 1.200 Euro pro Schüler für das zweiwöchige Komplett-Paket sprengt die China-Fahrt nicht den Rahmen“, dankt Bettina Hessing-Krauß den Zuschüssen der deutsch-chinesischen Gesellschaft.
Außerdem wolle auch das Binger Gymnasium seine Chance nutzen, die ihm unverhofft in den Schoß fiel. Denn erst wenige Wochen vor der Frankfurt-Landung der Chinesen klingelte bei Bettina Hessing- Krauß das Notfall-Telefon. Eine Schule in Baden-Württemberg zog die Zusage zum China-Austausch kurzfristig zurück. Das SGG sowie das Sebastian-Münster-Gymnasium und die Integrierte Gesamtschule in Ingelheim halfen spontan aus.
Schnell strickte das Kollegium ein Herbst-Programm. „Der Tanzkurs kam bei den Chinesen besonders toll an“, erinnert Oschewsky an gemeinsame Walzer- und Tango-Schritte. Im Reich der Mitte ist Paartanz außerordentlich beliebt - und ohne Anfassen unmöglich.

