Interesse an alten Sprachen ist erstaunlich hoch / Preisverleihung an der Hildegardisschule
(cts). Zum Lieblingsfach vieler Schüler-Generationen gehörten Latein und Altgriechisch nicht gerade. Dennoch entscheiden sich Gymnasiasten heute für "tote Sprachen". Tendenz steigend. In der Aula der Hildegardisschule wurden 19 Schüler für Bestleistungen beim Landeswettbewerb ausgezeichnet.
Griechisch und Latein? Was für manchen Abiturienten die staubigsten Stunden ihrer Schulzeit, Bürde für Akademiker-Eliten oder schlichtweg nutzloses Büffeln, das hat anscheinend Konjunktur.
Seit 15 Jahren wählt jeder dritte bis vierte rheinland-pfälzische Gymnasiast Latein als Fremdsprache. "Die Quote von 29,8 Prozent derzeit ist absoluter Rekord", gibt Staatssekretärin Vera Reiß ihren Zuhörern auf den Weg. In 19 Gymnasien im Land wird zudem Altgriechisch gelehrt, am Wormser Rudi Stephan-Gymnasium kann sich sogar eine Hebräisch-Gruppe behaupten.
"Erhaben" nennt Schülerin Victoria Fendel ihre Lieblingsfächer am Koblenzer Görres-Gymnasium. Wie Sokrates und Aristoteles die Welt erklären, das sei spannend, eine Reise zu den Wurzeln europäischer Geschichte, Philosophie und Demokratie.
Über das Pauken von Vokabeln und Periodenbau sind Victoria und die anderen Preisträger längst hinaus. Die "breiten Möglichkeiten des Wissens erschließen", das schätzen sie an ihrer Wahl. Das Klischee der staubigen Gelehrten-Sprachen lassen die Preisträger jedenfalls nicht gelten. Klare syntaktische Regeln entwickeln erst auf den zweiten Blick Charme. Systematische Grammatikarbeit im Lateinunterricht bietet den Schlüssel für weitere Fremdsprachen.
Staatssekretärin Vera Reiß sieht Altgriechisch und Latein als "wichtigen Bestandteil der humanistischen Bildung", "als Teil der Begabtenförderung".
Die Nachfrage ist jedenfalls - auch dank neuer Lernkonzepte - unvermindert hoch. 683 Schüler nahmen am Oberstufen-Wettbewerb "Alte Sprachen" teil. Insgesamt drei Qualifikationsrunden müssen sie hinter sich bringen. Eine Studienstiftung winkt den Besten.
Der Landeswettbewerb hat eine fast 30-jährige Tradition. Oberstufenschüler messen sich in Übersetzungen, Hausarbeiten, freier Rede oder dem Umschreiben von Literatur-Passagen in Theaterstücke. Die Preisverleihung findet an wechselnden Orten des Bundeslandes statt. Zum ersten Mal war Bingen Gastgeber.
In der Stadt am Rhein-Nahe-Eck sind alte Sprachen an beiden klassischen Gymnasien präsent. Die Lateinplus-Klasse am Stefan George-Gymnasium ist ein Zusatzangebot seit 2003. Sie startet ab Klasse fünf mit Latein- und zusätzlichen Englischstunden. Mit engagierten Lehrkräften ködert die Schule besonders sprachbegabte und leistungswillige Schüler. Den Römern, ihrer Kultur und ihren Bauzeugnissen, konnten die jungen Preisträger vor der Feier im Binger Stadtbild nachspüren. Die weltweit einmalige Instrumente-Sammlung eines römischen Arztes im Museum und Überreste des ehemaligen Militärkastells Bingium verknüpfte eine Führung zu einem Bild aus längst vergangener Zeit - und zu einem Grundstock für die Gegenwart.

