Montag, 13. Februar 2012 03:17 Uhr
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Allgemeine Zeitung

Bingen 

"Brauchen ein Judentum zum Anfassen"

22.01.2008 - BINGEN

Von Christine Tscherner

Präsidentin des Zentralrats diskutiert mit Schülern des Stefan-George-Gymnasiums

BINGEN Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, war gestern zu Gast am Stefan-George-Gymnasium in Bingen und stellte sich dort auch den Fragen der Oberstufenschüler, die in der Turnhalle zusammengekommen waren.

"Lassen Sie sich von den populistischen Parolen der Neonazis nicht für dumm verkaufen." Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, appellierte gestern Vormittag eindringlich an Oberstufen-Schüler des Stefan-George Gymnasiums. Antisemitische Tendenzen, ja, die sieht sie in Deutschland wachsen. Sie mahnt, bezieht Stellung, fordert Diskussion. Die 74-jährige Münchnerin umreißt nur kurz, wofür sie sich einsetzt. Eigens aus München ist Charlotte Knobloch angereist, weil Schulleiter Reiner Oschewsky doch wusste, dass sie keine Schulanfrage absagt. Zu wichtig ist ihr der Dialog "gegen Dummheit, für Prävention und Toleranz". Rund 140 Schüler der zwölften Klassen sowie Sozialkunde- und Geschichtslehrer nutzten in der Turnhalle die Chance zum Zeitzeugen-Bericht. Aber die Zentralratspräsidentin will keinen Monolog. Sie stützt das Gesicht in die Hand am Pult und fordert Fragen. "Bitte ruhig provokativ", sagt sie. Eher zahm ließen es jedoch die Schüler angehen, fragten nach dem Einfluss des Zentralrats der Juden, dem Wissen über die NS-Zeit in anderen Ländern, ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit Judenhass aus ihrem Umfeld. "Meinen Sie wirklich, dass Deutsche so dumm sind, dass sie sich noch einmal auf Nazis einlassen?", fragt schließlich ein Schüler. Auch damals seien die Menschen nicht dumm gewesen, antwortet die Zentralratspräsidentin. Aber Hitler sei ohne Putsch an die Macht gewählt worden. "Schade ist, dass jüdisches Leben so stark über den Holocaust definiert wird", bemängelt sie. NPD-Verbot, der Agitationsfilm "Jud Süß" und Song-Texte der Rapper-Szene sind weitere Nachfragen. Ob sie über Hitler-Karikaturen lachen kann? "Solche Dinge können auch ungewollt eine Pro-Hitler-Meinung auslösen", findet sie. In der Öffentlichkeit sollte dieser Mann so wenig wie möglich benannt werden. Überraschend ihre Meinung zur hoch gelobten Kunst-Aktion der "Stolpersteine". "Wenig würdig" findet die Vorsitzende, dass "Hunde und Füße die Namen einstiger jüdischer Mitbürger beschmutzen". Einlenkend und einladend ist dagegen das Schlusswort: Die Präsidentin lädt SGG-Schüler nach München ein. Die neue Synagoge, ein Gespräch mit jüdischen Jugendlichen und ein koscheres Mittagessen sind ihr Dialog-Angebot. "Wir brauchen ein Judentum zum Anfassen", postuliert sie.

Charlotte Knobloch ermunterte die Gymnasiasten immer wieder zu Fragen.Foto: hbz/Michael Bahr


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