Vom Dach in den Testwagen
03.09.2010 - BINGEN
Von Christine Tscherner
SONNENENERGIE Fachhochschule eröffnet erste Solartankstelle in Rheinland-Pfalz
Premiere zum Energietag: Gestern eröffnete Umweltministerin Margit Conrad auf dem Campus die erste Solar-Tankstelle in Rheinland-Pfalz. Die Fachhochschule schickt Sonnenenergie direkt vom Dach in den Testwagen. Saubere Elektroautos sind das Forscherziel.
Eine Menschentraube hat sich um die Ministerin versammelt. Gibt’s hier was umsonst? Irgendwie schon. Denn für die Energie aus der hellgrünen Zapfsäule musste kein kilometertiefes Loch gebohrt und kein Kühlturm errichtet werden.
„Schlangen werden sich in Zukunft trotzdem nicht bilden“, rückt FH-Präsident Dr. Klaus Becker das Bild zurecht. Denn zur Solartankstelle haben bislang nur zwei Testwagen Zutritt. Unscheinbar wirkt der Pfosten. Ein Stutzen mit Stecker. Zu Demonstrationszwecken hängt ein italienischer Zweisitzer aus dem Umweltministerium am Netz. „Hier kann man ohne schlechtes Gewissen elektrisch tanken“, demonstriert die Ministerin.
Sie spielt auf den herkömmlichen Energiemix an. „In der Kohlendioxid-Bilanz sehen bislang Elektroautos ziemlich mies aus.“ Für Margit Conrad ist klar: E-Mobilität kann nur ein Modell von vielen für die Zukunft sein. Für den Praxistest hat ihr Ministerium das kleine Elektrofahrzeug im Fuhrpark. Der Miniflitzer könnte 300 Mal im Jahr an der Binger FH laden und jeweils 100 Kilometer pro Tankfüllung fahren. Die wenigen Solarflächen auf dem Hochschuldach reichen für sechs Kilowatt Leistung oder 5 000 Kilowattstunden pro Jahr.
Das Besondere an der Zusammenarbeit von Fachhochschule und Ministerium: Der Kleinwagen, die Erstentwicklung eines Fiat-Zulieferers für Deutschland, ist online mit Binger Forschern vernetzt. Das Auto übermittelt Verbrauchsdaten und Verschnaufpausen, Ladezustand und Leistung.
„So können wir die Grenzen im Alltagstest genau ermitteln und daraus lernen“, sagt Dr. Andreas Neff. Er ist Energiereferent der Ministerin und schaffte mit diesem Auto 110 Stundenkilometer auf der Autobahn nach Bingen.
Es ist das 13. Treffen von Energieexperten, organisiert von der FH-nahen Transferstelle (TSB) und dem Umweltministerium. Vorträgen, Ausstellungen, Firmenpräsentation und zukunftsweisende Entwicklungen zeichnen das Forum aus. Landesweit hat sich die Fachtagung zur etablierten Plattform gemausert. Firmen präsentieren Neuentwicklungen. Energiespezialisten tauschen sich aus. Forscher, Dienstleister und Produzenten kommen ins Gespräch. Die kleine Binger Hochschule hat sich auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien inzwischen einen Namen erarbeitet. Mit der ersten Solar-Tankstelle belegt sie ihr Know-how.
„Wichtig ist das enge Zusammenspiel von Forschung und Praxis“, unterstreicht Präsident Becker mit Blick auf den Zapfhahn. Zwei Elektrotechnik-Studenten haben sich der Idee als Praxisphase angenommen. Kabel mussten verlegt, Messelektronik installiert werden. Umweltfreundlich erzeugter Strom im Tank braucht Pioniergeist - und spendable Industriepartner für günstige technische Teile.
Im Herbst erwartet der betreuende Professor Christoph Wrede Zuwachs für den Fuhrpark. Der Energiekonzern RWE will einen Elektroroller in den Binger Praxistest schicken.

