Von Parkbank zu Parkbank
12.03.2010 - BINGEN
ARMUT Streetworker Ralf Blümlein berichtet
über die Situation der Wohnsitzlosen
(red). Sie werden als "Renner", "Bettler" oder "Tippelbrüder" bezeichnet und gehören zum alltäglichen Bild auch in Bingen. Streetworker, Ralf Blümlein sagt: "Für viele Bürgerinnen und Bürger sind diese Menschen in unserer leistungsorientierten Gesellschaft einfach nur Alkoholiker, arbeitsscheu und an ihrer Situation selber schuld." Dabei werde nur allzu oft vergessen, dass Wohnungslosigkeit oft am Ende einer Kette von Schicksalsschlägen steht, die ein "normales" Leben fast unmöglich gemacht haben und jeden treffen könnten.
Schwieriger Teufelskreis
"Ohne festen Wohnsitz keine Arbeit, ohne vernünftige Arbeit fehlt das Geld für eine Wohnung. Das Leben auf der Straße wird zum Teufelskreis von Armut, Alkohol, Krankheit und oft auch Kriminalität." Einmal auf der Straße angekommen, arrangierten sich die betroffenen Frauen und Männer sehr schnell mit dem täglichen Leben auf der Straße. So reisten viele von ihnen im Landkreis herum, auf dem Weg von Herberge zu Herberge, von Parkbank zu Parkbank.
Trotz der vorhandenen Angebote der Wohnungslosenhilfe schafften nur wenige den Ausstieg aus dem "Berbermilieu". Nur zu häufig könne der Alltagsfrust nur noch mit Alkohol- und Drogenkonsum bewältigt werden, sagt Blümlein, Chef der Binger Obdachloseninitiative "Platte". Gefühle wie Angst, Perspektivlosigkeit, Wut und Einsamkeit könnten auf diese für einen Moment ausgeblendet werden.
"Die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation und der Schritt, sein Leben neu zu ordnen, ist für viele ein Ziel, das sie aufgrund ihrer Lebensumstände oftmals nicht realisieren können", weiß Blümlein. Trotz aller bestehenden Schwierigkeiten könne die Straße den wohnungslosen Menschen scheinbar etwas bieten, das ihnen die Gesellschaft nicht mehr geben kann. "Warum sonst könnte man die Straße dem bürgerlichen Leben vorziehen?", fragt der Streetworker und sagt: "Die angebliche Freiheit, das Gefühl von Unabhängigkeit, losgelöst von den gesellschaftlichen Zwängen - all das scheint nur einen Teil der Faszination Straße auszumachen. Hier fragt keiner, was du hast und woher du kommst, hier scheint auf den ersten Blick jeder gleich zu sein."
So habe die Szene in den zurückliegenden Jahren einen Wandel vollzogen und sei mittlerweile zum Treffpunkt für Arme geworden. Keine Arbeit, drohender Wohnungsverlust, das Abrutschen in die Wohnungslosigkeit sei für viele Menschen in greifbare Nähe gerückt. "Scheinbar finden von Armut betroffene Menschen hier die Anerkennung, die ihnen durch unsere Gesellschaft oftmals verwehrt bleibt", vermutet Blümlein.
Am Existenzminimun
So versorgt die Binger Tafel mit ihren drei Läden im Landkreis schon lange nicht mehr nur die Wohnungslosen, sondern der Großteil der Menschen, die auf die Hilfe der Obdachloseninitiative "Platte" angewiesen sind, seien Rentner, Sozialhilfe- und Hartz IV-Empfänger.
Aber auch das Bild in den Tagesaufenthalten für Wohnungslose habe sich verändert: "Auch hier sind zunehmend mehr Menschen zu finden, die am Existenzminimum leben. All das macht deutlich, dass der `Treffpunkt Straße` schon lange ein Treffpunkt der Armut ist", fasst Blümlein zusammen. "Gerade für die betroffenen Menschen ist es in einer Zeit, die nach dem Prinzip `haste was, biste was` lebt, besonders wichtig, dass sie nicht als Schmarotzer und Faulenzer in unserer Gesellschaft hingestellt werden, sondern dass sie als Menschen akzeptiert und respektiert werden", sagt der Platte-Chef, "denn auch sie haben ein Recht auf Würde."

