Von Lena Fleischer
KANALISATION Hoch- und Schmelzwasser machen Kläranlage zu schaffen / Methan-Gas als Stromlieferant
Nach einem schneereichen Winter kam das Tauwetter, und die Pegelstände stiegen. Mit dem Wasser werden große Mengen Streusalz nicht nur ins Erdreich, sondern auch in die Kanalisation gespült. Alles kein Problem fürs Klärwerk des Abwasserzweckverbands Untere Nahe in Bingen, sagt Betriebsleiter Dirk Pekrul. Er weist Befürchtungen zurück, dass dadurch die Mikroorganismen in den Klärbecken geschädigt werden könnten.
Vielmehr laufen die Pumpen des städtischen Werks momentan auf Hochtouren. Denn unter normalen Bedingungen läuft das gereinigte Abwasser aus der Kläranlage im freien Gefälle in die Nahe. Bei Hochwasser jedoch steigt der Flusswasserspiegel über das Auslaufniveau der Kläranlage. In diesem Fall muss das gesamte gereinigte Wasser in den Fluss gepumpt werden. Die Anlage ist so gesteuert, dass bei Hochwasser automatisch die Auslaufschieber schließen und die Pumpen in Betrieb gehen. "Keiner kommt hier mit Abwasser in Kontakt", erklärt Pekrul.
Sehr wohl allerdings nehmen seine und die Nasen der Mitarbeiter den Geruch auf dem Gelände wahr - "man kann sich einfach nicht an den Gestank gewöhnen", gibt der Betriebsleiter zu.
Zum Klärwerk kommt Abwasser der Binger und von umliegenden Gemeinden auf zwei Zuläufen: einmal von Büdesheim, Dietersheim, Gaulsheim und Kempten, und dann von Bingerbrück, der Innenstadt, aus Weiler, Münster-Sarmsheim, Dorsheim und Rümmelsheim. Beides fließt auf der Anlage in einen Kanal, der zum Rechenraum führt.
"Der ist zu vergleichen mit einem großen Sieb", erklärt Laborleiter Thomas Schauff. Hier wird aufgefangen, was schon mal in die Toilette fällt, aber nichts in der Kanalisation zu suchen hat: Ohrringe, Gebisse, Tampons, Wattestäbchen werden aus dem Wasser gesiebt, weiß Schauff. Überhaupt gilt die Regel: "Man darf nur in die Toilette werfen, was man selbst erzeugt", sagt Schauff. "Und Toilettenpapier, denn das löst sich auf."
Schwierig sei es schon mit feuchtem Toilettenpapier, das sich nicht auflöst und: "Essensreste locken Ratten an." Generell seien die Tiere in der Binger Kanalisation aber kein großes Problem.
Wenn das Wasser dann in den Sandfang läuft, sind noch Fäkalien, Urin, der sich in Ammonium umgewandelt hat, und Phosphat darin enthalten. "Alles, was schwerer ist als Wasser, setzt sich im Sandfang ab", sagt Schauff. Dazu zählen beispielsweise Zigarettenstümmel, Maiskörner oder Tomatenkerne. Der Sand, der dem Wasser entnommen wird, wird später übrigens gereinigt und von der Müllabfuhr abgeholt. "Er kann im Straßenbau wieder verwendet werden, würde aber niemals in einem Sandkasten landen", betont Schauff.
Der Fettfang filtert danach alles, was leichter als Wasser ist. Im Vorklärbecken, das ähnlich wie ein Swimmingpool aussieht und ein Gefälle aufweist, setzen sich Schlamm und Fäkalien ab, die in den Faulbehälter gepumpt werden. "Der Faulturm ist ein Schlaraffenland für Mikroorganismen. Sie wandeln Fäkalien in Faulgas um, das auch Methan genannt wird."
Auf dem Gelände des Klärwerks steht ein Blockheizkraftwerk, wo das Methangas, das sich im Faulturm gebildet hat, in Strom umgewandelt wird. "Es produziert am Tag so viel Strom wie eine Großfamilie pro Jahr verbraucht, rund 4000 Kilowatt", erklärt Schauff. Der Laborleiter hat während der Landesgartenschau Erfahrung darin gesammelt, das Klärwerk zu erklären, auch den ganz Kleinen: Im "Grünen Klassenzimmer" nahm er die Kinder mit auf die Entdeckungsreise - und will die Anlage auch in Zukunft interessierten Kindern und Jugendlichen zeigen.
Hat das einstige Schmutz-Wasser der Binger auch noch das Nachklärbecken durchlaufen, ist es fast ganz klar und fließt zurück in die Nahe. In einem jedoch sind sich Betriebsleiter Pekrul und Laborchef Schauff einig: "Trinken sollte man es nicht."

