Von Christine Tscherner
Eugen Drewermann deutet Grimm-Märchen aus ökonomischer Sicht / Zu Gast am SGG
Charismatisch, eindringlich, druckreif: Eugen Drewermann, 68, zu Gast am Binger Stefan-George-Gymnasium (SGG). Der bekannte Kirchenkritiker und Buchautor sprach über die "Macht des Geldes" und wie bereits die Gebrüder Grimm Ökonomie-Schemata offenlegten. Mit klug kalkulierten Betrugsstrategien lässt der gestiefelte Kater seinen Herrn zum König aufsteigen. Unmoral und Zynismus in der Geschichte sind mit Händen zu greifen. Mit geschärftem Blick führt Eugen Drewermann rund 150 Zuhörer in der Schulturnhalle durch die Welt der Märchen. Fast prophetisch erscheint aus heutigem Blickwinkel sein 2007 erschienenes Buch "Von der Macht des Geldes oder Märchen der Ökonomie". Märchen, in ihnen liest ein geschulter Psychoanalytiker wie Drewermann mehr als Kindergeschichten aus einer längst vergangenen Zeit. Besonders Grimms Märchen haben es dem Westfalen angetan. Mit der tiefenpsychologischen Deutung der Fabeln beschäftigt sich der Theologe seit Jahren. Gnome und Zwerge der Märchenwelt sind aus seiner Sicht nichts anderes als um ihre Kindheit betrogene Menschen, "früh gealtert, ohne jemals jung sein zu dürfen".
Rumpelstilzchen wird so zum "abgespaltenen Ich der Müllerstochter", deren Schönheit der Vater kapitalisiert. Sie soll Stroh zu Gold spinnen, versucht als vereinsamtes Wesen, den Erwartungen von Vater und König gerecht zu werden. Völlige Entfremdung ist die Folge. Drewermann eröffnet aus den Leistungsanforderungen an die Müllerstochter eine Generaldebatte über deutsche Pädagogik. Den "weltweiten Bildungswettlauf" stellt er in Frage. So wird Rumpelstilzchen zur Warnung an Eltern und Bildungspolitiker, zur Geschichte über die psychologischen Folgen der Kapitalisierung.
Scheinbar bekannte Märchen erhalten unter Drewermanns Blick ungeahnte Bedeutung. Die Bremer Stadtmusikanten treten als die vermeintlich Unproduktiven des kapitalistischen Systems auf. Alte und Verbrauchte tun sich zusammen, erklären Besitzende zu Räubern und schließen Hilfsbedürftige nicht aus ihren Reihen aus. Doch stellt dieses "Wirtschaften aus humanerem Geist" den Beginn einer neuen Ordnung dar? Drewermann gilt als Gegner von Umweltzerstörung und allzu Mensch zentrierter Sichtweise als Herrscher über die Natur. Er verurteilt als Vertreter der Friedensbewegung Golfkriege, deutsche Militär-Auslandseinsätze, setzt sich für Tierschutz ein, ist Kritiker des Kapitalismus und Wirtschaftswachstums zu Ungunsten von Drittweltländern. Charismatisch und rhetorisch gewandt vor Publikum sprechen zu können, zeichnet ihn aus. Als Publizist ist Drewermann mit seinen populärwissenschaftlichen Werken produktiv. Einem breiten Publikum bekannt wurde der Theologe 1991 durch seinen öffentlichen Zweifel an der Jungfrauengeburt als biologische Tatsache. Es folgten Entzug der Lehr- und Predigtbefugnis, Suspension vom Priesteramt. Vor drei Jahren trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus.

