Von Christine Tscherner
Jüdische Gemeinde möchte ehemaligen Synagogen-Flügel in der Rochusstraße nutzen
BINGEN. Der im Dezember gegründete "Förderverein für jüdisches Leben in Bingen heute" kämpft für die Nutzung der ehemaligen Synagoge. Die 100 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde will eine Mietwohnung im ersten Stock der Rochusstraße 10 als Versammlungsort nutzen.
Die jüdische Gemeinde in Bingen gedeiht. Vor allem durch Zuzug von Menschen jüdischen Glaubens aus Gebieten der ehemaligen Sowjetunion ist die jüdische Gemeinschaft nach Vereinsangaben inzwischen auf 90 bis 110 Personen angewachsen. Als deren Sprachrohr und offizielle Vertretung tritt der Mitte Dezember gegründete Förderverein "Tiftuf" auf.
"Der Name kommt aus dem Hebräischen und bedeutet Tröpfchen-Bewässerung", erläutert Tamara Schmedro. Die 60-jährige Konzertpianistin aus der Südukraine steht an der Spitze des neuen Vereins. "Tröpfchen für Tröpfchen kann etwas Großes erwachsen", mit diesem Leitgedanken will der Verein die jüdische Gemeinschaft unterstützen.
Bereits im September wandte sich Dorothea Dürsch, heute Vizevorsitzende des Vereins, an die Stadtverwaltung. Ihre Bitte: In einer seit Mai leerstehenden Wohnung im ersten Stock der ehemaligen Synagoge solle Binger Juden Raum für Gottesdienste, Versammlungen, Feste, Ausstellungen und Unterricht für Kinder zu jüdischen Themen zur Verfügung gestellt werden.
Doch die Stadt hatte längst andere Pläne. "90000 Euro sind im Haushalt eingestellt, um die Mietwohnung zur Leitzentrale der Feuerwehr umzubauen," weiß Stadtrat und Tiftuf-Aktiver Martin Rector. Die Platznot der Feuerwehr sei seit Jahren prekär, verwies die Oberbürgermeisterin in ihrem Antwortschreiben auf abgeschlossene Umbaupläne. Deshalb lehnte die Verwaltung die Vereinsbitte ab, bot jedoch Hilfe bei der Suche nach Alternativräumen an.
"Das Angebot steht nach wie vor", so Stadtsprecher Jürgen Port auf AZ-Nachfrage. Allerdings müsse der Verein seinen Raumbedarf konkretisieren. Dass ein Arrangement mit der Feuerwehr in der Rochusstraße möglich ist, sei darum nicht ausgeschlossen.
Bislang treffen sich jüdische Gemeinde-Mitglieder an wechselnden Orten, sind Gäste der evangelischen Gemeinde oder im Caritas-Haus. "Eigene Räume im ehemaligen Synagogen-Flügel würden wir als historische Chance empfinden", stellt Dorothea Dürsch klar. Die erhaltenen Säulen, Kapitelle, Gewölbedecken und Rundbogenfenster der freien Mietwohnung hätten als Überreste der Synagoge Symbolcharakter für Binger Juden.
Den dringenden Wunsch nach Raum vertritt der Verein nachdrücklich. "Wir bitten die Stadt freundlichst, ihre Entscheidung nochmals zu überdenken", so Dürsch in einer einberufenen Pressekonferenz.
Die jüdische Gemeinde in Bingen zählte einst zu den bedeutendsten in Rheinland-Pfalz. Im Jahr 1900 erreichte die Gemeinde mit 713 Mitgliedern (acht Prozent der Einwohner) ihren Höchststand. Die alte Synagoge in der Rheinstraße (heute Jugendhaus) wurde 1905 durch einen großen Neubau an der Rochusstraße ersetzt.
In der Reichspogromnacht durch Brandstiftung zerstört, gingen Gebäudereste und Grundstück durch Zwangsverkauf in die Hände des Binger Winzervereins über. 10000 Mark Ausgleichszahlung sollen an die jüdische Gemeinde nach Mainz geflossen sein. 1960 erwarb die Bezirkswinzergenossenschaft das Gelände und verkaufte es 1962 an die Stadt weiter. Die Immobilie wurde zu Mietwohnungen umgebaut.
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