Von Lena Fleischer
Peter Frey spricht beim Arbeitskreis Jüdisches Bingen über Umgang mit Vergangenheit
In Bingen geschah vor 70 Jahren, was im ganzen Land geschah: Juden wurden gedemütigt, deportiert, ermordet. Mit diesem Kapitel der Stadtgeschichte beschäftigt sich seit zehn Jahren der Arbeiskreis Jüdisches Bingen und hatte den ZDF-Journalisten Dr. Peter Frey eingeladen, über das Erinnern zu sprechen. Der gebürtige Binger und Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios gab zu, dass es für ihn nicht einfach sei, über den Umgang mit der Binger Vergangenheit zu reden. Immerhin wurde er 21 Jahre nachdem die prachtvolle Synagoge in der Rochusstraße in Flammen aufging geboren und sagte: "Ich kann mich nicht erinnern, über Nationalsozialismus und Judentum hier in Bingen in der Schulzeit je gesprochen zu haben." Darum dankte er den Frauen und Männern, die vor mehr als zehn Jahren den Mut hatten, die Erinnerung an das, was in der Stadt geschehen war, wach zu rufen, auch wenn "Kräfte der Verdrängung und des Widerstand noch sehr groß" gewesen seien. Diese Arbeit sei notwendig gewesen, nicht nur als Zeichen von Versöhnung, sondern auch, weil es um die eigene Vergangenheit gehe. "Dieser Arbeitskreis hat uns allen gedient, auch wenn er gelegentlich als Stachel im Fleisch empfunden wurde", sagte Frey. Der Verein habe ein Schweigegebot gebrochen, das in Bingen herrschte - aus Schuldbewusstsein, Gleichgültigkeit und Bequemlichkeit. Auch Oberbürgermeisterin Birgit Collin-Langen und Arbeitskreis-Vorsitzender Dr. Josef Götten erinnerten an jenen Abend, an dem sich die Synagoge in eine Ruine verwandelte und an die Zeit, in der 152 Binger Juden deportiert wurden. Collin-Langen sprach vom Ringen um die Antwort auf die Frage, wie das geschehen konnte und unterstrich, der emanzipatorische Umgang um der Vergangenheit sei eine ethische und menschliche Pflicht - auch wenn er keine bequemen Antworten liefere. Als ein "großes Geschenk" bezeichnete Frey das Bemühen des Vereins um Kontakte zu ehemaligen Binger Juden und stellte klar: "Die Nazis behielten mit ihrem Vernichtungswerk nicht das letzte Wort." Und obwohl die Erinnerung ein von Konflikten begleiteter Kampf sei, gelte heute: "Die Zeit der Verdrängung und der Verleugnung ist zu Ende." Zugleich warf Frey Fragen auf, gab Denkanstöße, wenn er daran erinnerte, dass in der Nacht, in der die Synagoge brannte, zunächst die Binger Feuerwehr ausgerückt sei. "Wäre es nicht gut zu wissen, wer versucht hat, den Juden noch beizustehen?" Die Frage nach Opfern und Tätern sei in Bingen auf engem Raum zu beantworten gewesen, weswegen Frey zu dem Schluss kam: Nicht gewusst zu haben, was mit den Juden geschieht, sei einfach nicht wahr. Er forderte dazu auf zu recherchieren, was aus Kultgegenständen aus der Synagoge geworden ist. Auch die Kirchen müssten sich fragen, was sie in jener Zeit getan und unterlassen haben, während Binger Sportvereine, Chöre oder die Feuerwehr herausfinden sollten, wie lange Juden bei ihnen Mitglied sein durften und warum sie ausgestoßen wurden, regte Frey an. Eine Lehre aus der Katastrophe: "Es sind wir, an denen die Erinnerung hängt." Frey erklärte: "Wir müssen achtsam sein und lernen, mit Minderheiten bei uns tolerant umzugehen." Erinnerung sei keine Last, sondern eine Befreiung, konstatierte er und hielt fest: "Die Binger Juden, sie fehlen uns." Doch nur, wer sich dem Schmerz stelle, könne ihn überwinden. "Wir können darauf hoffen und daran arbeiten, dass sich die Leere wieder füllt."

