Schule aus einer anderen Perspektive
07.07.2012 - BINGEN
Von Jochen Werner
FREIWILLIGES SOZIALES JAHR Theresa Ludwig und Kerstin Rausch beenden Einsatz an Hildegardis-Gymnasium
Ihr Abschied ist nun endgültig. Mehr als ein Jahr nach dem Abitur verlassen Kerstin Rausch und Theresa Ludwig die Hildegardisschule (Higa). Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Aber total zufrieden. Denn sie haben „ihre“ Schule aus zwei Perspektiven kennengelernt, nach achtdreiviertel Schülerjahren noch zwölf Monate lang als „FSJler“. Haben den Schritt gemacht hin zum Mitarbeiter. Gesehen, dass Schule - ernst genommen - ein lebenslanges Lernen für alle ist. Und gemerkt, dass Lehrer immer auch eine menschliche Seite haben.
„Es war die Qualität der beiden, dass alles prima gelaufen ist“, lobte Paul Heese aus dem Direktoriums-Dreigestirn die beiden. Deren letzter Tag war emotional. „Die Kinder haben geweint, als wir heute gegangen sind“, fällt Theresa der Abschied nicht leicht, und Kerstin „würde grad’ noch ein Jahr dranhängen“. Highlights aufzählen wollen sie nicht, dazu habe es im vergangenen Schuljahr zuviel Besonderheiten und Abwechslungen gegeben. „Und natürlich auch Momente, in denen wir uns gefragt haben, warum wir eigentlich da sind, gerade wenn die Mädels nur gequängelt haben“, blickt Theresa auf ihre Erfahrungen zurück. Toll war: „Du kriegst immer sofort ein Feedback von den Kids“, hat Kerstin erfahren.
Das Freiwillige Soziale Jahr wollen sie nicht missen, hat sie menschlich voran gebracht. Es gab ihnen die Möglichkeit, etwas für alle Beteiligten Sinnvolles zu tun und gleichzeitig Freiräume zu haben, nicht in der absoluten Verantwortung zu stehen. In einem Abschnitt, der nur einmal im Leben kommt. Und der gleichzeitig für Theresa als Grundlage für das Studium dient. Auf ihrem Weg über das Studium der Erziehungswissenschaften zur Heilpädagogin „wird vor allem auf das Soziale geguckt, nicht auf den NC“. Insofern bringt ihr das Jahr weit mehr als die Anrechnung von Wartesemestern. Das FSJ wird immer attraktiver. Vor allem für die, die nicht gleich einen Studienplatz oder eine Lehrstelle finden.
Wegen des Perspektivwechsels wagten sie den Schritt und blieben an ihrer alten Schule. Hier unterstützten sie die Lehrer in den Ganztagsklassen der Sexta und Quinta, fungierten als Verbindungspersonen zwischen Schülern und Pädagogen, erklärten, korrigierten, hatten ein Auge auf die Gruppenarbeiten: „Da waren wir voll mit eingebunden“, sagt Kerstin. Wie Theresa hat sie bei den „kleinen“ Klassen viel Neues gelernt. Was an der neuen Aufgabenstruktur und an der geänderten Sichtweise liegt: Beide betonen, dass sie lernmethodisch enorm profitiert haben, heute viel schneller sind als vor dem sozialen Jahr. Beiden half das Miteinander. Lehrer hätten Tipps von ihnen angenommen: „Da gab es ein Sie und Du auf gleicher Basis“, sind sie dankbar dafür, dass sie den Schritt aus der Schule ins Berufsleben sanft gestalten konnten, dass sie im bekannten Umfeld einen geregelten Ablauf von Arbeitstagen kennenlernen durften. „Ein solches Jahr ist auch für Leute, die eine Mädchenschule nicht kennen, ein echtes Highlight“, wissen die beiden, dass es ihren Nachfolgern gut gefallen wird. „Da muss keiner Bedenken haben. Hier beißt niemand!“ sagen Theresa, Kerstin und Heese. Eine der beiden FSJ-Stellen ist vergeben. Die andere für Kurzentschlossene noch zu haben.
Kerstin und Theresa haben nun endgültig etwas Neues begonnen. Theresa nimmt zum Wintersemester ein Heilpädagogik-Studium in Angriff, und Kerstin hat zum ersten Juli offiziell bereits ihre duale Ausbildung für die gehobene Verwaltungslaufbahn angetreten.


