Pegelstände am Rhein sinken weiter
21.11.2011 - BINGEN
Von Christine Tscherner
Weiter fallend: Die Pegelstände am Rhein verringern sich seit Wochen. Ein Ende des Niedrigwassers ist erst Anfang Dezember in Sicht. Dann sagen Meteorologen nämlich vage den Schluss mit der Hochdruck-Wetterlage voraus und folglich Chancen für Niederschlag. Vielleicht.
Zwischen breiten Sandbänken dümpeln Zugvögel träge. Über lang gestreckte Uferzonen schieben sich Nebenbänke. Der geschrumpfte Fluss zeigt viel Bett. Sehr viel. Schuld hat das stabile Hochdruckgebiet ohne Regen.
„Für den Spätherbst ist so ein Niedrigwasser nicht so ungewöhnlich“, stellt Joachim Baab klar. Der Hydrologe beim Wasser- und Schifffahrtsamt Bingen schaut in seine Statistik. „Das ebenfalls trockene Jahr 2005 bot im November das gleiche Bild.“ Auch in den Jahren von 1972 bis 1985 gab es gleich mehrere extrem niedrige Herbst-Werte in kurzer Folge.
„Sie könnten an der flachsten Stelle der Binger Fahrrinne stehen und die Stirn schaut raus.“ Baab erklärt anschaulich die Rechnung aus Pegelstand von derzeit 85 Zentimetern und tatsächlicher Wassertiefe von 1,63 Metern. Normalerweise fließt der Rhein locker 1,20 Meter höher an Bingen vorbei. Letztlich ist für Schiffer aber die flachste Stelle auf ihrer Gesamtroute entscheidend.
„Wir schränken die Schifffahrt nicht ein“, sagt Baab. Der Reeder müsse über die Ladetiefe entscheiden. „Weniger als die Hälfte der Menge können bei diesem Niedrigwasser transportiert werden“, weiß er. Die Reedereien haben reagiert. „Sie kommissionieren um, setzen statt großen Schiffen mit viel Tiefgang mehrere kleine ein.“ Die Folge: Auf dem Rhein herrscht trotz wenig Wasser Hochbetrieb.
Die Bingen-Rüdesheimer Fähr- und Schifffahrtsgesellschaft hat ihre Linienfahrten bereits eingestellt. Nicht als Folge des Wasserstands, sondern routinemäßig zum Saisonende. „An den kleineren Anlegestellen hätten wir derzeit Probleme“, weiß Kurt Hartmann, Geschäftsführer der Gesellschaft.
„Sonderfahrten, die in Mainz, Bingen und St. Goar haltmachen, sie laufen wie gewohnt weiter.“ Auch die Fähre nach Rüdesheim pendelt ohne Einschränkung. „Wegen Niedrigwasser sind wir noch nie in die Knie gegangen“, betont Hartmann. Dank Radar fährt die Autofähre auch bei dichtestem Nebel. Apropos Nebel: „Ich schaue jeden Tag neidisch auf die Kölner Bucht oder die Schwarzwaldhöhen.“ Dem Hydrologen im Schifffahrtsamt verraten die Satelliten-Bilder nämlich nicht nur anrückende Schneewolken und Regen. Auch hartnäckige Nebelschichten legen seine Karten offen. „Seit Wochen haben die Kölner Sonne, wir nur mit viel Glück.“
Der absolute Ausnahmemonat am Rhein war aus seiner Sicht der Mai. 64 Zentimeter Pegelstand, also 1,42 Meter Wassertiefe von der Oberfläche bis zur flachsten Stelle der Fahrrinnensohle, gelten als extrem untypisch für Frühling.
„Herrliches Wetter ohne Wolken und ausgefallene Schneeschmelze. Woher soll da Wasser kommen?“ Aus Sicht des Experten ist der Binger Wasserstand derzeit nur „typisch November“.

