Lust auf Cäsaren-Worte ungebrochen
17.10.2011 - BINGEN/INGELHEIM
Von Christine Tscherner
LATEINUNTERRICHT Alte Sprache kommt an Gymnasien nicht aus der Mode / Wieder im Programm der VHS Bingen
Latein erlebt eine Renaissance. Das Gruselfach ganzer Generationen lernt fast jeder vierte rheinland-pfälzische Abiturient. Warum die tote Gelehrtensprache boomt? Die AZ sprach mit SGG-Direktorin Renate Seipel, dem Binger VHS-Leiter René Nohr und der SMG-Lateinlehrerin Kerstin Kersandt.
Auf dem Jobmarkt gefragte Fachleute wie Juristen, Betriebswirtschaftler oder Ingenieure brauchen kein Latinum (siehe Infokasten). „Rein pragmatische Gründe sind es sicher nicht“, sagt Kerstin Kersandt. Was treibt dann in die Welt von Cäsar und Cicero? „Als versteckte Schranke für die überlaufenen Unis erlebt der Latein-Nachweis gerade wieder Aufwind.“ Kersandt gehört zu der jungen Generation der Latein-Pädagogen. Sie unterrichtet am Ingelheimer Sebastian Münster-Gymnasium und feilt im Binger Museum an Konzepten für Jugendliche.
Weil händeringend Lateinlehrer gesucht wurden, hat sie die Gelehrtensprache draufgesattelt. Denn die Zahl der Schüler bleibt unerwartet konstant. „Wer sich mit Englisch bereits schwer tut, der hat meist mit einer zweiten modernen Fremdsprache Probleme.“ Gar von „Französisch-Flucht“ sprechen Lehrer.
Latein als Abgrenzung?
„Gerade Jungs können mit Latein besser zurechtkommen.“ Klarer Periodenbau, strenge syntaktische Regeln, systematische Grammatikarbeit - der Charme der toten Sprache erschließt sich Kennern erst auf den zweiten Blick.
Eine These: Bildungsbürgerliche Eltern erkennen im Latein die Chance zur Abgrenzung. Das Abi an Realschulen plus, IGS oder Berufsschulen befeuert den Trend.
„Die These vom Erkennungsmerkmal halte ich für gewagt.“ Für Schulleiterin Renate Seipel steckt jedoch „ein Körnchen Wahrheit“ im Lateinwunsch. Nach dem Motto: Wer Cicero nicht für Hundefutter hält, hat ein altsprachliches Gymnasium besucht. Woran erkennt der Chef einen Bildungsweg wie den eigenen im Dschungel neuer Abschlüsse? Latein wird zum Schlüssel, zum Merkmal unter Gleichen. Seit neun Jahren greift am Stefan-George-Gymnasium zusätzlich und erfolgreich das Modell Latein-Plus: Neben der Weltsprache Englisch unterrichtet das Schema ab der fünften Klasse fünf Wochenstunden Latein. Seipel unterstreicht klar: „Hohe Sprachbegabung und Lernwille ist Voraussetzung. Das ist keine Eliteklasse für Kinder aus Akademiker-Familien.“ Französisch und Latein stünden an ihrer Schule gleichberechtigt nebeneinander. Auch im neuen Schuljahr kam eine 25-köpfige Latein-Starterklasse zustande. Verändert hat sich zudem für alle Gymnasiasten der Start der zweiten Fremdsprache. Statt dem 7. Schuljahr rückte er um ein Jahr vor - eine Reaktion auf die Pubertät. „Da ist nämlich mit konzentrierter Grammatikarbeit kein Blumentopf zu gewinnen“, weiß Kersandt.
Sogar in der Erwachsenenbildung erhält die Schlacht ums Mare Internum, das Mittelmeer, neuen Aufwind. „Nach langem Drängen haben wir Latein wieder im VHS-Katalog“, sagt René Nohr. Sogar Altgriechisch und Hieroglyphenlesen feiert Neuauflage.
Woher stammt die neu entflammte Lust auf Ablativus absolutus und Cäsaren-Worte? „Standesdünkel und Bildungsbürgerlichkeit haben politisch einen sehr negativen Beigeschmack“, weiß Kersandt. Klar ist: Wer mehr Praxisbezug fürs Gymnasium fordert und sich mit Spickzetteln selbst durchs Futurum exaktum plagte, dem bleibt die Tür zu alte Sprachen wohl auf ewig verschlossen. Der Trend weg vom Latein dreht sich jedenfalls seit ein paar Jahren um. Gymnasien wie in Worms setzen noch eins obenauf: Sie bieten neben Altgriechisch sogar Hebräisch an.

