Zwischenstopp am Binger Rheinufer
01.04.2011 - BINGEN
Von Christine Tscherner
PRAXISTEST Hörer von Radiosender SWR 3 fahren zu Testzwecken in Elektroautos durchs Land
Praxistest: 60 Radio-Hörer fahren 500 Kilometer mit Elektroantrieb durchs Land. Quer durch Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg geht die Reise. Der Stopp am Binger Kulturufer lockte gestern Neugierige. Wäre so ein Null-Emissions-Auto die Alternative zum Spritschlucker daheim?
Um die Mittagszeit bot das Binger Rheinufer kein alltägliches Bild: Zwischen den Landungsbrücken parkten 30 ungewöhnliche Autos. Rundherum stehen Menschen mit Mikrophonen und Moderatoren. Das SWR3-Team stoppt auf seiner Zielfahrt nach Ulm in Bingen. Zeit zum Aufladen, Zeit zum Mittagessen und für Nachfragen.
„Nach den 60 Kilometern ab Koblenz müsste niemand nachtanken“, Fahrer Jürgen Mathar hatte in seinem Smart noch 65 Prozent Energie übrig. „Trotz Heizung, Scheibenwischer, Radio und Licht.“ Der Mann aus Hillesheim hat sich mit seinem Bruder als Testfahrer beim SWR3-Team beworben. Sein Urteil nach der allerersten Etappe: „Die kleine Kiste schafft 100 Stundenkilometer. Für Alltagsfahrten zum Büro und Einkaufen braucht es nicht mehr.“ Er wirkt begeistert.
Wie die anderen 60 Teilnehmer der Elektroreise durchs Radio-Land stand er trotzdem gestern morgen Schlange. Für den Tesla, den schnellsten in der Flotte. Den teuren Sportwagen mit E-Antrieb wollen alle einmal steuern.
Auf Geschwindigkeit liegt aber eigentlich nicht der Fokus. Eher auf Reichweite und Praxistauglichkeit. „Für 1,50 Euro nachts tanken, das ist anscheinend für uns Deutsche noch nicht Argument genug“, findet eine Passantin. Einen kleinen grün-weißen Zweisitzer nimmt sie genauer unter die Lupe.
„Keine Kupplung, nur Bremse und Gaspedal - daran muss man sich anfangs gewöhnen“, nennt Testfahrer Joachim aus Hochheim Unterschiede. Nur wie der Strom für den Antrieb produziert wird, das stehe auf einem anderen Blatt. „Die Autos werden ja hauptsächlich nachts geladen und dienen damit als dezentrale Speicher“, weiß Tischnachbar Jürgen Mathar.
Er hat sich schlau gemacht. „Speichern von Windenergie war ja bislang immer das große Problem.“ Wenn nachts der Wind bläst, braucht kaum eine Fabrik, kaum ein Haushalt große Energiemengen. Die Fahrer der E-Autos kommen beim Mittagessen untereinander ins Gespräch: Über den Bau von Windenergie-Anlagen, über fehlendes Brummen beim Tritt aufs Gaspedal, über das dicke Plus der Grünen bei den Landtagswahlen.
Joachim und Claudia Keck freuen sich auf Samstag. „Da haben wir ein Cabrio gelost.“ Das Wetter soll mit sommerlichen Temperaturen mitspielen. Ihre Motivation für „Drei Tage unter Strom“: „Wir wollten zu einem frühen Zeitpunkt wissen, wie sich diese Technologie anfühlt.“ Ungewohnt sei das Starten ohne Motorenbrummen. „Da fehlen Geräusch und Vibration als Rückmeldung.“
„Wenn viele Menschen auf Elektroautos umsteigen würden, dann hätten wir rollende Energiespeicher auf den Straßen“, überlegen die Fahrer Jürgen und Jochen weiter. Atomstrom will keiner tanken, der ein E-Mobil fährt. „Das wäre ja Quatsch“, sagt auch Passantin Martina Velten. Sie staunt mit ihrem Sohn über die Vielfalt der Elektro-Varianten am Binger Ufer.
Schauer ziehen über die Promenade. Viele Neugierige kommen nicht. Autohersteller und Moderatoren rücken unters Radiozelt. Gegen 15 Uhr rollt die Karawane weiter. Nächste Stopps der Tour: Worms, Bruchsal, Ludwigsburg, Schwäbisch Gmünd und Ulm als Zielstadt am Samstag. In allen Städten werden die Elektroautos auf zentralen Plätzen Strom auftanken - und Grund zum Nachfragen sein.

