Von Christine Tscherner
EINKAUFSSTUDIE Gymnasiasten analysieren Shopping-Verhalten Jugendlicher
Schule mit Mehrwert: Ein Oberstufen-Kurs des Stefan-George-Gymnasiums (SGG) untersuchte Stärken und Schwächen der Einkaufsstadt Bingen, befragte Einzelhändler, durchforstete die Angebotsstruktur und analysierte Leerstände. Das Schüler-Gutachten soll die professionelle Frankfurter Studie zur Marke Bingen ergänzen.
Ein PC-Spiel bei Hertie, bei Douglas ein Parfum: Wo kaufen Jugendliche in Bingen ein? Welche Dienstleistungen fehlen völlig? Wo sehen die Schüler Probleme und Chancen?
Für Thorben Kilian, 18, erwies sich seine Wahl Erdkunde als Leistungskurs nachträglich als Glücksgriff. Denn sein Lehrer fand ein Thema vor der Haustür mit Kreativ-Potential: Dem Einzelhandel in Bingen auf der Spur.
Analysen, Umfragen, Verbesserungsvorschläge: Studienreferendar Hermann Beck suchte für seine Examensarbeit praxisnahen Stoff, der Schüler wirklich interessiert. "Shoppen steht bei Jugendlichen hoch im Kurs", weiß der Pädagoge. Kulturpessimisten mag das erschüttern, Referendar Hermann nahm den Faden jedoch erfolgreich auf.
Nach Straßenzügen eingeteilt, sollten seine Schüler Geschäfte rechts und links der Binger Einkaufszone unter die Lupe nehmen. Ergebnisse setzten die Gymnasiasten in Diagramme und farbige Karten um, Stärken und Schwächen wurden in Schaubildern kenntlich.
Bekleidung dominiert die Innenstadt-Auslagen. Der Filialisierungsgrad ist hoch. Die Leerstände in der Fußgängerzone springen ins Auge. Alles nicht neu. Befragte Einzelhändler geben die Konkurrenz umliegender Städte wie Mainz oder Bad Kreuznach als Schwierigkeit an, sowie die Nähe zum großen SB-Vollsortimenter Globus in Gensingen.
Die Schülerstudie listet Verbesserungsvorschläge auf. Sie reichen vom Straßenbelag ohne Umknick-Risiko bis "weitere Optimierung des Stadtbilds durch Fassaden-Sanierung". Dringend erforderlich ist aus Jugendsicht eine breitere Angebotsstruktur - insbesondere für Kunden jenseits des Rentenalters.
Konkret nennt Nachwuchsforscher Thorben Kilian: "Jugend legt Wert auf Markenartikel, die sich nach der Schließung von Hertie in Bingen kaum mehr finden lassen."
Typische Jugendmarken wie G-Star oder Skater-Kleidung fehlten völlig. Billig-Ramsch würde keinen Kunden gezielt zum Einkauf locken.
Das Beste an der Kursarbeit aus Sicht des Gymnasiasten: "Wir haben endlich einmal an einem Praxis-Problem gearbeitet." Die Rückmeldung aus der Präsentation vor Vertretern der Werbegemeinschaft und Stadtverwaltung sei enorm gewesen. "Wir haben unsere Ergebnisse bestätigt gefunden, unsere Zuhörer waren wirklich interessiert."
Die Werbegemeinschaft wird neben vielen Warnrufen beruhigen, dass Konsum von Jugendlichen anscheinend noch nicht vollends ins Internet abgewandert ist. Shoppen jenseits des Computer-Bildschirms gilt als Freizeitbeschäftigung. Allerdings rücken Mainz, Bad Kreuznach und sogar Frankfurt erreichbar nah. "Weihnachtsgeschenke kaufen, das ist für die meisten in meinem Freundeskreis das einzige Mal Bingen-Shopping pro Jahr."
Mit der Hertie-Schließung, das sieht auch die Schülergruppe glasklar, geht "der beste Laden vor die Hunde". Stöbern in der Elektronik-Abteilung als Überbrückung der Wartezeit auf Bus oder Bahn? Vorbei.

