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Allgemeine Zeitung

Bad Sobernheim 

Gedenken in der Synagoge

11.11.2010 - BAD SOBERNHEIM

Von Paul Bregenzer

POGROMNACHT Jüdisches Gotteshaus nicht christianisieren / Schriftrolle um 350 Jahre alt



Seit über zwei Jahrzehnten erinnern in ökumenischer Verbundenheit die Christen dieser Stadt an jene schreckliche Nacht der Judenpogrome vor 72 Jahren. „Eine Nacht, die unser Land verwandelt hat und unser Städtchen - von nun an war nichts mehr wie vorher“, sagte Günter Hardt. Der katholische Seelsorger und seine evangelische Kollegin Ulrike Scholtheis-Wenzel hatten mit Kantor Hendrik Ritter und einigen jungen Sängerinnen die sehr gut besuchte Gedenkfeier gestaltet. Neu war, dass sie diesmal nicht mit einer ökumenischen Andacht in einer der beiden Kirchen begann, sondern nun, da das Kulturhaus Synagoge aufwendig restauriert ist, in diesem Gotteshaus.

„Ob Kulturhaus oder Bibliothek - wir vergessen nicht, dass in diesem Ort Menschen gebetet haben, sie Gottes Wort hörten, dass wir uns also in einem Gotteshaus befinden“, betonte Hardt. Er ergänzte: „Aus Respekt vor den jüdischen Müttern und Vätern unseres Glaubens wollen wir dieses Haus nun nicht christianisieren“.

Was passt da besser als der im Alten Testament aufgeschriebene längste Lobgesang auf Gott - der 119. Psalm, der in seinen Strophen, so erläuterte es die Pfarrerin, „alle Buchstaben des hebräischen Alphabets verwendet“. Scholtheis-Wenzel und Hardt trugen diese Strophen im Wechsel vor, zwischendurch erklang die Taizé-Weise „Laudate omnes gentes“, eindrucksvoll intoniert von der Gesangsgruppe um Ritter.

Für die Juden ist die Thora das lebendige und heilige Wort Gottes. 1938 in jener November-Nacht raubten Christen den Juden dieses Wort, stahlen in Sobernheim der Thora den Mantel, warfen acht Rollen achtlos zu Boden. Ein Jude konnte sie bergen, ein Christ versteckte die Schriftrollen vor den Nazi-Schergen. Nach dem Krieg übergab er diese in jüdischen Augen für den Gottesdienst entweihten Rollen an Hans Marum. Der nahm sie 1948 mit ins Ausland, überließ zwei Rollen einer französischen Militäreinheit, nahm zwei mit nach Andover in Massachussettes, wohin die Marum-Familie emigriert war, und überließ Rabbinerschulen in Neuengland vier Rollen. Von dort, aus Cincinatti, kam dann auf Betreiben der Marum-Enkelin Cathrin Krakauer jene Rolle nach Sobernheim zurück.

„Die Nachfahren der Opfer bieten uns also Versöhnung an“, sagte die Pfarrerin und ging auf die Entstehung dieser Rolle ein. Sie wurde vor etwa 350 Jahren in Nordafrika geschrieben, hat gelitten durch die Pogromnacht.

Hans-Eberhard Berkemann vom Synagogen-Förderverein freute es sehr, dass am Vormittag bereits ein jüdischer Gottesdienst in der Synagoge stattgefunden hatte, gehalten von zwei Rabbinern und jungen jüdischen Sozialarbeitern, die im Max-Willner-Heim weilen. In der Synagoge beeindruckte die Gruppe, dass hier die Porträts der Nazi-Opfer aus Sobernheim, Meddersheim und Merxheim zu sehen sind. Erfreut seien sie darüber gewesen, dass in dieser Synagoge die Kultur gepflegt und eine Bücherei betrieben werde, sagte Berkemann, der daran erinnerte, dass der erste jüdische Gottesdienst nach jener Zerstörungsnacht bereits vor neun Jahren hier stattgefunden hat, damals in einem ramponierten Zustand des Gebäudes, das lang als Möbel- und Warenlager genutzt worden war.

Vier Kerzen wurden entzündet zum Gedenken an die von Nazis ermordeten Juden aus Sobernheim und Umgebung. 	Foto: Paul Bregenzer

Vier Kerzen wurden entzündet zum Gedenken an die von Nazis ermordeten Juden aus Sobernheim und Umgebung. Foto: Paul Bregenzer


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