Die Nacht des „Taxi-Ulli“
19.06.2010 - BAD SOBERNHEIM
Von Gert Schatto
TAXISTAND Fahrer wundern sich über politische Diskussionen
Die Taxistände am Bahnhof sind umstritten. Die SPD möchte sie gerne verschieben, und die Taxifahrer wundern sich: Mit ihnen hat keiner gesprochen. Die Gilde ist ohnehin überzeugt, dass kaum einer in der Stadt weiß, wie die Arbeit für einen Taximann schon mal aussieht. Ulli Roepke, für viele nur der „Taxi-Ulli“ vom Unternehmen Schönheim, hat sich Notizen gemacht. Von einer ganz normalen Nacht am Taxistand.
Es ist Monatsanfang. Der erste Fahrgast des Abends ruft aus einer Kneipe an, betrunken. Er will Roepke unbedingt auf ein Getränk einladen: „Lass die Uhr laufen, ich zahl das.“ Als der sich weigert, hat er diesen Kunden verloren. Und muss sich unschöne Wort anhören wie „Kutscher, Arsch“. Der Nächste will ein Taxi, entscheidet sich dann aber doch anders: „Hau ab!“. Diese Nacht fängt ja gut an.
Dann ein Lichtblick. Dennis, der Stammkunde. Zahlt immer bar, gibt Trinkgeld. „Taxi-Ulli“ blickt wieder etwas optimistischer in die Nacht.
Nicht lange. Eine Gruppe will für neun Mann ein Großraum-Taxi. Geht nicht, sagt Roepke, höchstens sechs Mann sind möglich. Aber er könne einen Kollegen mitbringen. Abgelehnt: „Ich bin doch kein Millionär, du Depp!“, bellt es aus dem Telefon. Einen Taxifahrer darf offenbar jeder beleidigen.
Dann endlich normale Geschäfte. Etwa bis Mitternacht. Kleine Pause im Podium nun, eine Tasse Kaffee. Junge Leute kommen auf Roepke zu: „Ey, ist das dein Taxi?“ Roepkes Antwort: „Nein, ich fahre nur.“ „Dann auf, wir wollen fahren!“, pöbelt die Truppe. Da reicht es dem Taximann. Er mache jetzt erst mal Pause, die Jungs sollten ein bisschen Anstand lernen und könnten sich ja ein Taxi schnitzen. Irgendwo ist auch bei Taximännern eine Schmerzgrenze.
Der nächste Gast hat kräftig übern Durst getrunken. Schläft im Auto gleich ein. Ist kaum mehr wach zu kriegen. Hat nur die Hälfte des Fahrpreises dabei - will nachzahlen, ganz bestimmt! „Wenn er sich dann noch erinnert“, denkt Roepke.
Es wird noch schlimmer. Fahrt Monzingen - Bad Sobernheim. Auch dieser Fahrgast ist voll. An der Bad Sobernheimer Abfahrt wird ihm schlecht: „Halt an, mach Fenster auf!“ Der alkoholreiche Verzehr des Abends ergießt sich auch in Roepkes Taxi. Jetzt wird auch ihm schlecht. Das Taxi muss sauber gemacht werden.
Kaum damit fertig, die nächste Fuhre. Ein Mann mit einem fünf Liter-Bierfass unterm Arm wird von zwei Männern bedroht, die immer wieder die Tür aufreißen. Es kommt zum Handgemenge, „und meine Fallschirmjäger-Ausbildung ist auch mal für was gut“, sinniert Roepke, als er sich die beiden vom Leib halten kann, bis die Polizei kommt.
Doch die Nacht ist mit Roepke nicht fertig. Ein Platten, auch noch. In stockdunkler Nacht. Doch da halten die Taximänner in ihrer Gilde, wie sie es nennen, zusammen. Kollege Mehmet von Taxi-Leister fährt heim, kommt mit einer Taschenlampe zurück. Gemeinsam tauschen sie das Rad aus. Das tut Roepke gut nach einer solchen Nacht: Zusammenhalt, Kameradschaft.
Es müssen aber nicht immer solche zwölf Stunden sein wie in dieser Nacht. Roepke berichtet, dass seine Kollegen und er gerne und häufig den Reiseführer geben für Kurgäste und Touristen, dass sie sich auskennen in Stadt und Land - ob der Gast nun zum Priorhof möchte oder zum Denkmal des Jägers aus Kurpfalz. Und Prospekte vom Nahetal haben Roepke und Kollegen immer im Wagen.
Darüber sollte man laut Roepke im Stadtrat mal nachdenken: Ein Taxistand, die Taxis und vor allem die Taxifahrer sind meistens das Erste und auch das Letzte, was Gäste Bad Sobernheims von der Stadt sehen und erfahren.

