Liberal und sparsam
22.05.2010 - BAD SOBERNHEIM
Von Gert Schatto
SYNAGOGE Gottfried Kneib stellt Modell des ehemaligen Gotteshauses vor
Wenn am Wochenende junge Juden im Rahmen einer Freizeit im Willner-Heim die ehemalige, 1858 gebaute Synagoge besuchen, werden sie erstmals einen plastischen Eindruck des Inneren des Gebäudes mitnehmen können - wie es früher mal war. Gottfried Kneib stellte in dieser Woche das Modell des ehemaligen Gotteshauses vor, wie es in den Jahren 1929 bis 1938 ausgesehen haben dürfte.
Zwei Wochen hat der ehemalige Hauptschullehrer an dem Modell gebastelt, er bediente sich dabei zahlreicher Quellen wie einem 1994 von Hans Marum gemalten Bild, Erzählungen und Aufzeichnungen. Widersprüche in den einzelnen Schilderungen konnte Kneib nicht entdecken: „Es hat alles übereingestimmt!“
So blickt der Betrachter auf die ursprünglich vierbahnigen Fenster der Synagoge, entdeckt auf dem Dach alle damals dort stehenden Gauben. Der derzeit noch in Meisenheim lagernde Thora-Vorhang ist angedeutet, das ewige Licht im Gotteshaus ebenso wie der siebenarmige Leuchter.
Auch das Modell lässt spüren, wie liberal die damalige jüdische Gemeinde ausgerichtet war. Auf der Empore steht ein Harmonium - in vielen Synagogen war ein Musikinstrument undenkbar. Und die weiblichen Gottesdienstbesucher wurden auch nicht auf eben diese Empore gesetzt, sondern hatten wie die Männer unten ihren Platz - wenn auch die Geschlechter getrennt saßen.
Die liberale Gesinnung der jüdischen Gemeinde Bad Sobernheims ist aber nicht nur in der Synagoge zu entdecken, sondern auch im gemeinschaftlichen Leben, ergänzt Hans E. Berkemann. Der Vorsitzende des Synagogen-Fördervereins berichtet, dass Juden in allen Vereinen der Stadt zu finden waren, ein Mitglied der Familie Marum gar zu den Gründern der Feuerwehr gehörte. Und ganz stolz war die Gemeinde auf diejenigen Mitglieder, die für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten und gefallen waren. Eine Tafel in der Synagoge, die jetzt auf dem Friedhof liegt, erinnerte daran. Das alles, weiß Berkemann, waren „typisch Bad Sobernheimer Sonderheiten“ einer liberalen Gemeinde.
Zu der auch eine ausgeprägte Sparsamkeit gehörte, mangels Geld. Kneib hat in seinem Modell auch die damalige Bepfunden mit blauer Decke und Ocker als Grundfarbe - „keine reiche Ausmalung“ sei dies gewesen, betont Berkemann.
Berkemann und Kneib wollen das Modell nun in der ehemaligen Synagoge ausstellen, es soll vor allem Kindern zeigen, wie das Gotteshaus in den Jahren von 1929 bis 1938 ausgesehen hatte. Denn gerade Kinder könnten sich, wenn sie sich in der Einrichtung als Bücherei wiederfinden, nur schwer vorstellen, dass in diesen Mauern mal Gottesdienste gehalten wurden.

