Marums Garten in seiner ganzen Weite
13.05.2010 - BAD SOBERNHEIM
Von Wilhelm Meyer
STADTFÜHRUNG Auf den Spuren jüdischer Geschichte in Sobernheim / Rundgang mit Hans-Eberhard Berkemann
Für den Schweizer Maurice René Sobernheim war es ein großes Glück, dass die Führung von Hans-Eberhard Berkemann auf den Spuren jüdischer Geschichte just in die Zeit fiel, in der er mit seiner Begleiterin Anna-Katharina Bosshard in Sobernheim Urlaub verbringt. Man sei schon mehrere Male auf den Spuren der Familienwurzeln in Bad Sobernheim gewesen, berichtet Sobernheim, aber noch nie so lang. Direkt jedoch verbindet ihn nichts mehr mit der Stadt, aus der seine Vorfahren stammen. Seine Mutter wurde in Berlin geboren, ging 1933 nach Bern und von dort in die USA. Doch die Erinnerung war immer in der Familie erhalten geblieben. Schon seine Großeltern hätten auf den Spuren ihrer Wurzeln damals die Felkestadt besucht.
Sehen kann man Spuren jüdischer Geschichte in der Stadt erst ab Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Dokument jedoch, ein Kaufvertrag, hat sich erhalten. Der zeugt um 1301 zum ersten Mal von jüdischen Einwohnern des Ortes. Eine Verbindung zu dem ältesten greifbaren Zeugnis jüdischen Lebens, der unter dem Kellergewölbe des Hauses in der Großstraße 53 erst 1996 von Erwin Wehrmann wiederentdeckten Mikwe, ein jüdisches Ritualbad, ist für Berkemann wahrscheinlich. Dieses könnten auch die ersten Sobernheimer Juden schon gebaut haben. 1938 hatte Emma Loeb, Schwiegermutter von Alfred Marum, das Haus an den Schlossermeister Philipp Berner, den Großvater Wehrmanns verkauft.
Mehr als andere Familien hat die Familie Marum die Entwicklung Sobernheims geprägt. Auf den Kellern des einstigen Marumschen Wohnhauses, dem Bahnhof direkt gegenüber, steht heute das neue Verwaltungsgebäude der Verbandsgemeinde. Durch Marumpark, dem später der Stadt geschenkten ehemaligen Privatgarten der Familie Marum, vorbei am Gedenkstein für Arnold Marum, den Urenkel von Sarah Marum, der Gründerin der Strumpffabrik, und durch die Marumstraße selbst führt der Weg zur Synagoge.
Vom Kaufhaus Wolff ist nichts mehr zu sehen
Rechts und links Spuren, und vieles, was man nicht sehen, aber wissen kann. In der Kreuzstraße, - „überall, wo jetzt blaue Fenster sind“, macht Berkemann das nicht mehr Sichtbare fasslich - stand das 1876 gegründete Kaufhaus Wolff: Mit ehemals 50 Mitarbeitern wurde es zwangsarisiert und erst 1958 an Oskar Schmidt verkauft. In der Marumstraße 20 befand sich das erste Zentrum der jüdischen Gemeinde.
Zunächst Betsaal und jüdische Privatschule war es ab 1859 auch Schulhaus, Lehrerwohnung und Krankenstube. Erst 1880, als mittlerweile die jüdischen Kinder die evangelische Volksschule besuchten, wurde es zugunsten der jüdischen Gemeinde vermietet. Unter dem noch immer beeindruckenden Fabrikübergang in der Marumstraße, vorbei am Gründerhaus der Marumschen Strumpffabrik, dem Fachwerkhaus an der Ecke Großstraße, geht es schließlich zur Synagoge.
Eine Thorarolle kehrt aus den USA zurück
Deren Einweihung als „Kulturhaus Synagoge“ wird am 30. Mai in Anwesenheit zahlreicher Nachfahren der Familie Marum gefeiert. Dann werde, so Berkemann, auch eine der ehemals acht Thorarollen der Gemeinde aus den USA nach Sobernheim zurückkehren. Wie der Raum ehemals ausgesehen hat, lässt sich an einem von Hans Marum aus dem Gedächtnis gezeichneten Gemälde ersehen. Erhaltene Pläne zeigen die Genauigkeit der Gedächtnisarbeit.
Zurück führt der Weg über den Marktplatz. Vor Errichtung der zweiten Rathaushälfte 1842 hatte er, mit dem heutigen Denkmalsplatz verbunden, eine weitaus größere Fläche. Verständlich, dass um den damaligen Getreide- und Viehmarkt die Häuser fast alle irgendwann auch einmal im jüdischen Besitz gewesen seien. Vom heutigen Pfarrhaus in der Igelsbachstraße erschließt sich noch einmal der Marumsche Garten in seiner ganzen Weite. Ein kleines Königreich, wie Berkemann es mit der Hand umreißt, in dem aber selbstverständlich auch Bohnen und Gemüse angebaut worden seien.

