Montag, 13. Februar 2012 04:36 Uhr
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Allgemeine Zeitung

Bad Münster 

Zu Butterbrot eingeladen

15.09.2009 - BAD MÜNSTER

Von Beate Vogt-Gladigau

GESCHICHTE Als die Salonkultur sich die Welt eroberte / Gegenseitiges Porträtieren als Unterhaltungselement

AM STEIN- EBERNBURG. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Etikette nur am Rande und oft belächelt ein Schattendasein führt, war der Vortrag von Dr. Nikolaus Gatter in der Brunnenhalle des Kurmittelhauses über die Salonkultur um 1800 wie das Eintauchen in eine Welt, in der Symbolik bei den Menschen einen geachteten Platz hatte - und den Umgang erleichterte. Der Vorsitzende der Varnhagen-Gesellschaft (Köln) verstand es, durch Bildmaterial und seine Erklärungen, Lust auf die Wiederauferstehung dieser Kultur zu wecken.

Die Varnhagen-Gesellschaft, ein literarischer Verein mit rund 200 Mitgliedern in aller Welt, beschäftigt sich mit dem Andenken an die Berliner Salonkultur und an das Schriftsteller-Ehepaar Rahel Levin und Karl August Varnhagen.

Rahel Levin (1771 bis 1833) gilt als die Erfinderin der Berliner Salons. Fast wie im Wartezimmer waren zunächst die Stühle aufgestellt, im Stile eines Antichambre (Vorzimmer). Die Rolle der Frau war auf das Servieren von Kaffee beschränkt. Diese Rollenverteilung löste sich in der Romantik auf. Beide Geschlechter trafen sich, um eine "unterhaltende Kultur" zu pflegen. Immerhin gab es zu dieser Zeit kein Kino und kein Fernsehen, merkte Dr. Gatter humorvoll an. "Man lud sich ein zu Butterbrot."

Verschiedene Stände trafen sich in den Salons - von Künstlern bis zum Militär. Zugelassen war jeder mit einem "gewissen Bildungsniveau" und der sich zu benehmen wusste.

Doch das war verboten: Im Mittelpunkt durfte niemand stehen. So verhielt es sich auch in der Literatur. Stegreif-Verse, auch neckische, waren jedoch erlaubt. Zur Verehrung eines holden Wesens griff man auch gerne zum Mittel des Achrostichons, wo der Name horizontal geschrieben und die Zeilen mit Schmeicheleien gefüllt wurden. Zum Zuge kamen aber auch musische Adelige, wie Louis Ferdinand, Prinz von Preussen, der dezente Salonmusik komponierte, zu der man sich unterhielt. Auch Klatsch galt als unfein, obwohl Salons wichtige Nachrichtenbörsen waren.

Zu den Unterhaltungen in den Salons gehörte es, sich gegenseitig zu porträtieren. Dabei genügte es aber durchaus, die Silhouette des Konterfeis festzuhalten. Schattenrissmaschinen wie die vom Züricher Geistlichen Johann Caspar Lavater entwickelte, werfen durch eine starke Lichtquelle das Profil auf ein Blatt Papier. Durch einen so genannten Storchenschnabel mit zwei Achsen konnten die Konturen beim damaligen "Fotokopierer" vergrößert oder verkleinert werden.

Das Silhouettieren ist zwar aus der Mode gekommen, aber die einfache Form des Profilschattens ist als Logo entdeckt worden, wie etwa bei dem von der Reha-Klinik Rheingrafenstein in der Berliner Straße.

Briefe, Billets oder Visitenkarten waren wichtige Kommunikationsformen. Besonders für Visitenkarten und ihre Gestaltung galten Regeln, die mehr als äußere Formalität waren. Durch eingedruckte Abkürzungen wie "ppc" (pour prendre congé = um Urlaub zu nehmen) und die umgebogene Ecke, die darauf verweist, ist zum Ausdruck gebracht: Entweder Sie empfangen mich jetzt, oder es kann dauern! Die Rückseite der Karte hatte auch die Funktion für eine kurze Mitteilung - "ähnlich wie heute die SMS", zog Gatter einen aktuellen Vergleich.

Für die emanzipierte Jüdin und Philosophin Rahel Levin waren in dieser Kultur-Epoche vor allem Briefe das Band zur Außenwelt. Sie korrespondierte mit den damaligen geistigen Größen. "Sie hat sich ihre Bildung erschrieben", so Gatter.

Das Porträtieren - hier mit einer Lavater-Schattenrissmaschine - spielte in der Salonkultur um 1800 eine große Rolle. Kornelia Löhrer zeigt, wie es geht.Foto: Beate Vogt-Gladigau


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