Steller fängt Leute mit Gedichten
04.09.2010 - BAD KREUZNACH
Von Isabel Mittler
SCHULE Rezitator nimmt Stama-Oberstufe mit in die Welt von Goethe, Morgenstern und Tucholsky / „Grusel“ legt sich
Gedichte auswendig lernen, auch wenn es sich um den Zauberlehrling handelt, ist irgendwie out, Gedichte hören für die Oberstufenschüler des Stadtmauergymnasiums seit dem Auftritt von Oliver Steller vielleicht dann doch nicht ganz...
Wirklich in die Aula „verschleppt“ werden musste niemand der rund 280 Gymnasiasten, um dem Rezitator und Gitarristen ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Auf dem Stundenplan standen „Gedichte von Goethe bis heute“ - nicht stur vom Blatt abgelesen, sondern frei vorgetragen mit einer großen Portion Humor und getragen von einer unglaublichen Mimik und Gestik Stellers. Von Balladen über Tier- bis hin zu Liebesgedichten reichte das Repertoire, in dem nicht die Geschichte von Herrn Ribbeck (Theodor Fontane) und seinem Birnbaum fehlen durfte. Von leisen Tönen im Gedicht „Ein alter Tibetteppich der jüdischen Dichterin Else Lasker (so schön, um zweimal hintereinander vorgetragen zu werden) ging es weiter zum volkstümlichen Humor des Wilhelm Busch. Dessen Eitelkeit und Selbstkritik sorgten auch bei der Lehrerschaft für Amüsement, übertroffen noch von der gereimten Eheberatung des Lebemannes Kurt Tucholsky in „Der andere Mann“ oder der Galgendichtung vom „ästhetischen Wiesel“ aus der Feder des wortverliebten Christian Morgenstern. Oliver Steller warf von Gedicht zu Gedicht kurzweilig auch Informationen zu den jeweiligen Dichterpersönlichkeiten ein (wie die Tucholsky-Synonyme Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger) und zeigte sich überaus erleichtert darüber, dass niemand in der Aula des Stama „Petry“ als Nachnamen von Johann Wolfgang zuordnete. So gelöst konnte es weitergehen, - auch auf die Lehne eines Stuhles, um bloß keine Langeweile beim Rezitieren aufkommen zulassen. „Steller fängt die Leute und nimmt sie mit in die Welt der Gedichte“, ist Deutschlehrerin Aylin Ballach begeistert davon, wie Steller Schüler bannen kann. Gedichte lösten bei Schülern nicht selten Grusel aus. Mit dem Auftritt von Steller sollte es gelingen den Schülern aufzuzeigen, dass die Welt der Gedichte eine wunderbare ist, die es zu entdecken gilt, betonte Ballach.
Bevor Steller ins Rampenlicht trat, waren die Gefühle von Katharina Dietz, Franziska Führer und Anna Brecht gespalten. Gedichte seien nicht so ihr Ding, oft verstehe man die poetische Sprache nicht, manche Themen seien überholt. Andererseits sei die Geschichte des Erlkönigs doch eine spannende. Schon in der Pause, die mit einem Gedichtsrap eingeläutet wurde, waren sich die drei einig: „Super. Man fasst das jetzt ganz anders auf.“ Nicht schlecht wäre es, so die Oberstufenschülerinnen, wenn auch im Unterricht Gedichte mit Musik und Show als Gruppenarbeit „besprochen“ werden könnten. „Dann würde man sie besser verstehen und interpretieren“, so der Tenor.

